Computereinsatz bei der Kötztinger Umschau
Ein ausgewählter Artikel aus Heft 10
Wie entsteht eigentlich eine Zeitungsausgabe? Welche Prozeduren werden durchlaufen? Und inwiefern wird auf die Errungenschaften der modernen Technik zurückgegriffen? Diese und andere Fragen wollte ich in einem Gespräch mit der ortsansässigen Kötztinger Umschau, explizit mit dem Büroleiter Herrn Alois Dachs, klären.
Die Kötztinger Umschau gehört zum Mittelbayerischen Verlag, der seinen Sitz in Regensburg hat und nach dem Krieg als dritter Verlag in Bayern gegründet wurde. Die "Mittelbayerische", kurz MZ, hat zur Zeit ca. 720 Mitarbeiter, besitzt diverse Druckereien, einen Buchverlag, einen Reisedienst (MZ- Leserreise) und ist am privaten Rundfunk und Fernsehen beteiligt.
Der Leiter des Büros der Kötztinger Umschau, Herr Dachs, machte die Mittlere Reife 1969 in Kötzting, begann bei der Umschau eine Lehre und wurde nach 2 1/2 Jahren Redakteur. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Redaktionen bzw. Büros wie z.B. in Cham, Furth und Regensburg. An dieser Stelle gleich etwas zu den Begriffen Büro bzw. Redaktion. Die Kötztinger Umschau hat zwar ein eigenes Kopfblatt, ihr Büro ist aber keine selbstständige Redaktion wie z. B. Regensburg. Das Kötztinger Büro ist eine Unterabteilung einer Redaktion; sie gehört zum sogenannten "Bayerwald Verbund", der seine Zentrale in Cham hat, und der Furth im Wald, Rötz, Waldmünchen, Roding und Kötzting angehören.
Um den unglaublichen Quantensprung zu zeigen, den der Verlag bei der kompletten Umstellung auf Computer durchmachte, sollte man sich zuerst die vorherige Verfahrensweise vor Augen führen: Nachdem die einzelnen Artikel fertig geschrieben waren, musste sich die Redaktion darüber klar werden, wie ihre Ausgabe aussehen sollte. Man war an ein ganz bestimmtes Format bzw. an einen bestimmten Aufbau gebunden. Diesen konnte man aus der sog. Formatmappe ablesen. Dort war der Aufbau für z.B. 780 mm² Text und 2 Fotos vorgegeben. Es gab klare Richtlinien für die Bildplatzierungen und die damit verbundene Aufspaltung der Texte (Vierspalter). Man musste sich unbedingt daran halten und hatte keine Möglichkeiten für "kreative" Ausgabengestaltung. Es wurde lange an den Texten gefeilt, bis alle Kriterien erfüllt waren. Das fertige "Spiegelblatt" wurde anschließend ohne Fotos nach Regensburg geschickt. Es befanden sich also nur die Texte darauf. In Regensburg waren 30 Techniker damit beschäftigt die Seite zu drucken.
Bis etwa 1984 gab es das Bleisatzdruckverfahren. Hier goss eine Maschine aus einem ständig kochenden Bleibatzen die einzelnen Buchstaben und setzte sie zu einem Bleisatz zusammen. Mit diesem wurde die Ausgabe dann gedruckt. Die Fotos wurden auf eine 1 mm dicke Plastikfolie geprägt und kurz vor dem Druck eingebaut. Auch Rechtschreibfehler wurden erst am Schluss entdeckt und nach einem Anruf bei der jeweiligen Redaktion beseitigt.
Seit den Achtzigerjahren fand der Computer allmählich Einzug ins Verlagswesen. Doch es wurden zuviel verschiedene Geräte unterschiedlicher Firmen eingesetzt, die natürlich nicht harmonisierten. Der Großrechner in Regensburg, mit dem alle Redaktionen und Büros des Verlags verbunden waren, stürzte häufig ab und ein fehlerfreies Arbeiten war nur selten möglich.
1998 stellte die Mittelbayerische Zeitung ihr System für 12 Mio. Deutsche Mark komplett auf Computer um. Jedes Büro bekam Workstations der Firma Siemens und einen eigenen leistungsstarken Server. Auch der Hauptsitz in Regensburg bekam einen neuen Großrechner und die entsprechende Ausrüstung. Jedes Büro verfügt nun über ein eigenes Netzwerk, das zwar mit dem Server in der Zentrale verbunden ist, aber völlig autark sein kann, wenn nötig. Falls also die Anlage in Regensburg zusammenbricht, kann man in Kötzting immer noch arbeiten. Das Netzwerk basiert auf Windows NT, auf jeder einzelnen Workstation des Verlags ist "Dialog" installiert, ein auf Word aufbauendes Programm, das speziell auf Zeitungen mittlerer Größe zugeschnitten ist.
Jetzt die Entstehung einer Ausgabe mit neuesten Techniken: Man nehme an, ein Freier Mitarbeiter liefert einen Artikel über den 95. Geburtstag des 5. Schützenmeisters der Seniorenklasse Bayerischer Wald Ost, 8. Kreisklasse (Reserven), Nordöstlicher Schützengau, ab. 70%- 80% tun dies in Form einer Diskette, die Technikfetischisten in Form von E-Mails; einige wenige schreiben mit der Schreibmaschine. Herr Dachs meinte, dass diejenigen, die ihre Artikel noch mit der Hand schreiben, ausgestorben wären. Die Bilder entwickeln die Freien Mitarbeiter meistens selbst und fügen sie ihrer Arbeit hinzu.
Nun startet der Redakteur, der für die Gestaltung der Ausgabe verantwortlich ist, der "Producer", seine Workstation, die über eine Standleitung mit Regensburg verbunden ist. Er sieht sofort, welche Vorgaben ihm der Verlag bezüglich der Seitengestaltung macht. Es stehen ihm zum Beispiel neun Seiten zur Verfügung, davon drei, die sich direkt auf Kötzting beziehen (Stadtseiten), und sechs für die ländliche Umgebung. Auch die Anzahl, Größe und Position der Anzeigen ist angegeben. Die nicht auf Datenträgern gespeicherten Texte werden eingescannt und ihre Dateien in das Programm Dialog importiert.
Dialog hat sehr viel Ähnlichkeit mit einem Text- und Bildbearbeitungsprogramm. Man sieht die vorgegebenen Anzeigen und die bereits eingescannten Bilder oder Texte. Diese "Textfelder" kann man nun frei verschieben. Der Textfluss gleicht sich dem Umfeld automatisch an, er bildet z. B. Spalten. Man kann das Bild nach Bedarf vergrößern oder verkleinern und man erkennt an den weißen Stellen, wie viel man noch schreiben kann. Ein einfaches und schnelles System, das alle 30 Sekunden eine automatische Datensicherung vornimmt. Was mich persönlich verwunderte war, dass man erst 1998 etwas endgültig einführte, was schon einige Jahre vorher für den Hausgebrauch Standard war.
Die Planungen der Redaktion können natürlich durch unvorhergesehene Ereignisse über den Haufen geworfen werden, da eine Zeitung schließlich die Aufgabe hat, über das aktuelle Geschehen zu informieren. Für Flauten hat die Redaktion immer einige Lückenfüllartikel auf Lager. Selbstverständlich kann das Büro auch im Internet surfen und sich Informationen daraus besorgen. Es hat auch Zugriff auf den dpa- oder den ap-Nachrichtenticker in Regensburg oder auf die Artikel anderer Redaktionen im Nachrichtentopf. O du glorreiche Vernetzung!
Seitenweise wird der Kötztinger Lokalteil über die Standleitung nach Regensburg geschickt. Dort wird die ganze Zeitung zusammengesetzt. Der Mantelteil (Politik, Weltspiegel, Bayern, ...) ist bei allen Ausgaben gleich, dazu kommt der Lokalteil. In unserem Fall beginnt der Lokalteil mit Kötzting und Umgebung, den Seiten also, die das Kötztinger Büro erstellt hat. Das sind ca. neun Seiten. Es folgen Artikel aus den anderen Büros des Bayerwaldverbundes (Cham, Waldmünchen,..), die für die Kötztinger Leser interessant sein könnten.
Die fertige Ausgabe wird dann zum Drucken geschickt. Das heutige Verfahren ähnelt dem Drucken mit einem Tintenstrahldrucker. Die Zeitung wird gefalzt, gefaltet und die Werbeblätter werden eingelegt, was ein immenser Aufwand ist. Die Druckmaschine schafft 1700 Exemplare in fünf Minuten, kostet aber auch 36 Millionen DM. Mit Lastwagen werden die Zeitungen anschließend zu den Verteilern gebracht und sollten um 6.30 Uhr bei den Lesern sein.
Johannes Hainzinger, KS 12