Abacus - Artikel aus Heft 13

 

 

Molecular Modeling

- Computer in der Arzneimittelforschung

Am 25.10.2002 führten Bianca Attenberger, KS13, Benjamin Bögel, KS12, und Bernhard Frauendienst, KS12, (A) ein Interview mit Herrn Dr. Wolfgang Utz (U) und Herrn Frank Böckler (B) vom Lehrstuhl für Pharmazie der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen zum Thema Molecular Modeling.

A: Würden Sie sich bitte unseren Lesern vorstellen?

U: "Mein Name ist Dr. Wolfgang Utz. Ich habe Lebensmittelchemie studiert und zum Thema "Naturstoffanalytik" promoviert. Zur Zeit betreibe ich am Lehrstuhl für Pharmazie Forschungen auf dem Gebiet des Molecular Modeling

B: Mein Name ist Frank Böckler. Ich habe Pharmazie studiert und arbeite gerade an meiner Doktorarbeit mit dem Thema "Dopamin D3 Rezeptorliganden". Zum Molecular Modeling bin ich über Veranstaltungen gekommen, die im Studium integriert waren, und auch über die Bekanntschaft mit Wolfgang.

A: Was versteht man unter Molecular Modeling?

U: Molecular Modeling ist eine Sammelbezeichnung für computerunterstütztes Modellieren von Molekülstrukturen und -wechselwirkungen. Man versucht zum Beispiel Moleküle und Molekülzustände im Computer nachzubilden und dann die energieärmste Molekülform zu finden. Die Methode dazu heißt Molekülmechanik. Molekülteile lassen sich ja bekanntlich frei um Einfachbindungen drehen. Mit einem geeigneten Computerprogramm kann man solche Drehungen simulieren und die Energien vor und nach der Drehung vergleichen. Auf diese Weise tastet man sich an die Energieminima heran. Auch der Vergleich komplizierter Moleküle ist möglich. Bei großen Proteinmolekülen lässt sich so eine Vorhersage der dreidimensionalen Struktur machen. Man kann vorausberechnen, ob zwei Moleküle von der Raumstruktur her zusammenpassen und wie stark das eine Molekül an das andere gebunden wird. Auf diese Weise kann man z. B. aus einer Datenbank mit gespeicherten Molekülen gezielt Hemmstoffe für Enzyme finden, ja es gelingt sogar das Design völlig neuer Hemmstoffe. Letztendlich lassen sich die berechneten Ergebnisse auch anschaulich dreidimensional darstellen. Für uns würde ich Molecular Modeling als Computer Aided Drug Design (CAD) definieren, weil wir das Ziel verfolgen mit Hilfe des Computers Drugs (Arzneimittel) zu entwickeln.

A: Seit wann gibt es Molecular Modeling?

U: Molecular Modeling gibt es seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals begann man mit Hilfe der Schrödingergleichung Moleküldaten zu berechnen. Modeling Verfahren am Computer setzt man seit etwa 1960 ein. 

B: Beim Molecular Modeling ist natürlich auch der graphische Aspekt von Bedeutung. Die Entwicklung hier war stark von der Leistungsfähigkeit der Rechner abhängig. Mitte der 70er-Jahre, könnte man sagen, gab es die ersten vernünftigen Ergebnisse. Und ich denke, der große Boom kam dann erst mit dem PC im Laufe der 80er- und 90er-Jahre.

A: Wo wird Molecular Modeling eingesetzt?

U: Molecular Modeling wird z. B. im Pharmabereich in der Wirkstoffforschung eingesetzt oder in der Chemie bei der Suche nach neuen Katalysatoren und bei der Bewältigung von Syntheseproblemen. 

B: Auch in der Biologie und der Molekular-Biologie spielt Molecular Modeling eine Rolle.

A: Welchen Nutzen bringt die Methode?

U: Molecular Modeling hat zahlreiche Vorteile: Man kann eine ganz Menge Realexperimente einsparen, wenn man am Computer bereits eine Vorauswahl trifft und sich dann in der Realität auf die Verbindungen beschränkt, die für das gesteckte Ziel am aussichtsreichsten erscheinen. Man spart Zeit und Chemikalien und damit Kosten, auch Entsorgungskosten. Außerdem kann man unbekannte Systeme untersuchen. Keine andere Methode in der Chemie kann Verbindungen behandeln, die noch gar nicht hergestellt worden sind. Durch die Visualisierung, also die graphische Darstellung der Ergebnisse, erzielt man ein besseres Verständnis der Zusammenhänge.

A: Gibt es konkrete Beispiele für einen erfolgreichen Einsatz des Molecular Modeling?

U: Ein interessantes Beispiel ist das Medikament Saquinavir, das als Invirase bzw. Fortovase im Handel ist. Saquinavir bekämpft den HIV-Virus (human immunodeficiency virus = Immunschwächevirus beim Menschen). Dieser Virus verfügt über das Enzym HIV-Protease 1, das er braucht, um eine neue Zelle infizieren zu können. Die Struktur dieses Enzyms war bereits von der Röntgenstrukturanalyse her genau bekannt. Durch Molecular Modeling wurde ein Hemmstoff gefunden, der exakt zur Oberflächenstruktur des Enzyms passt und sich damit an den Enzymmolekülen anheften kann. Auf diese Weise wird das Enzym gehemmt und für den Virus wertlos. Der kann dann keine neuen Zellen mehr befallen. Das Medikament verringert so die Anzahl der Viren im Blut. Fortovase wurde 1995 in Amerika zugelassen und wird meist in Kombination mit anderen Substanzen eingesetzt. 180 Fortovase-Weichkapseln kosten ca. 223 Euro (Oktober 2002). Pro Tag soll ein Erwachsener ca. 18 Kapseln schlucken. 

B: In meiner Doktorarbeit erforsche ich die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn. Fehlleistungen dieser Rezeptoren sind verantwortlich für Krankheiten wie Parkinson oder Schizophrenie. Mittels Molecular Modeling versuche ich Moleküle - man nennt sie Liganden - zu finden, die sich an diesen Rezeptoren geeignet verankern und so deren Funktion wieder verbessern können. Die Bindung der Liganden muss sehr stark sein, damit man mit geringen Wirkstoffkonzentrationen auskommt, und sie muss sehr spezifisch sein, damit nicht die falschen Rezeptoren verändert werden. Bei weitem nicht jede Substanz, die im Computer gefunden wird, ist geeignet. Sehr wichtig ist natürlich auch, dass die Substanz nicht giftig ist und dass sie mit den zur Verfügung stehenden Methoden überhaupt herstellbar ist.

A: Gibt es auch Anwendungen für den Schulunterricht?

U: Es gibt Programme, mit denen man Moleküle zeichnen und dreidimensional betrachten kann. Ein sehr schönes Beispiel aus dem Freeware-Bereich ist ChemSketch, das im Internet unter der Adresse www.acdlabs.com/download/ erhältlich ist. Mit diesem Programm kann man auch die Nomenklatur der Stoffe lernen und gewisse Moleküleigenschaften wie Bindungslängen und Bindungswinkel messen.

A: Im Internet findet man zahlreiche Seiten über Molecular Modeling, leider alle in Englisch. Woran liegt das? Gibt es auch gute deutsche Seiten?

U: Gute deutsche Seiten sind mir nicht bekannt. Die Sprache der Wissenschaft, also die Sprache, in der sich die Wissenschaftler in aller Welt miteinander verständigen, ist nun einmal Englisch. Man muss aber auch sagen, dass die Methoden des Molecular Modeling zum großen Teil im englischsprachigen Raum entwickelt wurden und dort auch mehr Ansehen genießen als z. B. in Deutschland. 

B: Hinzu kommt, dass Molecular Modeling in der Praxis untrennbar mit Computertechnik verbunden ist, und auch hier ist Englisch die allgemein übliche Sprache.

A: Geht es bei der graphischen Präsentation der Ergebnisse nur um die Darstellung von Molekülen oder auch um die Veranschaulichung von Reaktionsabläufen? 

U: Meist werden die Ergebnisse in Form von Einzelbildern visualisiert. Es ist aber auch die Darstellung von Schwingungszuständen oder anderer Strukturveränderungen von Molekülen in Abhängigkeit von der Zeit möglich, z.B. durch Animationen.

A: Welche Software verwenden Sie?

U: Im professionellen Bereich gibt es zwei große Programmpakete. Das eine ist Insight von Accelrys (www.accelrys.com) und das andere, welches wir hier selbst verwenden, ist SYBYL von Tripos (www.tripos.com). Diese Programme bestehen aus mehreren Modulen, die einzeln zu erwerben sind. Ein Paket mit etwa sechs Modulen, so wie es meist zum Einsatz kommt, kostet etwa 20000 Euro. Es gibt aber auch viele Freeware-Programme, deren Funktionsumfang natürlich beschränkt ist. So gibt es zum Beispiel Viewer zur dreidimensionalen Darstellung von Molekülen. Insgesamt kann man einen Großteil der Aufgaben tatsächlich mit kostenlosen Programmen abdecken, allerdings hat man dann oft Kompatibilitätsprobleme aufgrund unterschiedlicher Dateiformate.

A: Wie groß ist der Arbeitsaufwand beim Erstellen von Molekülbildern?

U: Das hängt natürlich vom jeweiligen Projekt ab. Um ein großes Molekül in den Rechner zu bringen ist ein Mann rund einen Monat beschäftigt. Für die Suche nach einem passenden Liganden, der optimal zu diesem Molekül passt, sind dann noch einmal rund zwei Monate zu veranschlagen. In der Praxis besteht eine Arbeitsgruppe natürlich nicht nur aus einer Person. In den USA sind 10 bis 15 Leuten üblich. Dementsprechend verkürzt sich die erforderliche Zeit. Wie vorher schon erwähnt, muss die gefundene Verbindung vor allem noch auf Toxizität und Herstellbarkeit geprüft werden. Wenn man Pech hat - und das wird oft der Fall sein - geht das Spiel dann von vorne los.

A: Woher stammen die erforderlichen Moleküldaten, die man zur Darstellung der Moleküle braucht?

U: Die Eigenschaften kleiner Moleküle können von unseren Programmen selbstständig berechnet werden. Bei komplizierten Molekülen wäre es am besten, wenn die benötigten Moleküldaten von einer Röntgenstrukturanalyse her bekannt wären.

A: Gibt es Moleküldatenbanken, auf die man über das Internet Zugriff hat?

U: Ja, solche Datenbanken gibt es. Wir benutzen z. B. häufig die freie Proteindatenbank PDB unter www.rcsb.org. Zur Zeit (Stand 22.10.02) sind dort die Daten von 19006 Eiweißstoffen gespeichert. Man kann nach Proteinen suchen, deren Daten übernehmen und ihre räumliche Struktur anschauen. Ein Eiweiß mit besonders kleinen Molekülen ist das Insulin. Aber auch diese Verbindung besteht schon aus 15100 Atomen. In dem zugehörigen Datenfile sind neben weiteren Informationen für jedes dieser Atome die Raumkoordinaten aufgeführt. Auch unter www.expasy.ch findet man eine gute freie Datenbank.

A: Muss ein Chemiker, der Molecular Modeling einsetzen will, programmieren können?

U: Die Software SYBYL hat eine eigene Script-Sprache, mit der man die Kommunikation mit dem Programm deutlich erleichtern und Abläufe automatisieren kann. Sprachen wie C/C++ muss man aber nicht beherschen.

A: Kann man Molecular Modeling studieren?

U: Nein, Molecular Modeling ist kein eigenes Studienfach. In Chemie, Biologie und Pharmazie gibt es aber Vorlesungen, die sich damit beschäftigen. Wir bieten interessierten Studenten z. B. ein Seminar an. In diesen Vorlesungen oder Seminaren geht es dann etwa um Protein Modeling oder semiempirische Berechnungen oder Quantenchemie. Das sind immer Teilaspekte, ein eigenes Fach, das einem einen vollständigen Überblick geben würde, gibt es nicht.

A: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen um erfolgreich Molecular Modeling betreiben zu können?

B: Computervorkenntnisse sind natürlich hilfreich, vor allem muss man aber eine gewisse Begeisterung für den Umgang mit dem Rechner mitbringen. Mathematische Kenntnisse sind sicher auch nützlich, unbedingt notwendig aber nur, wenn man in die Programme eingreifen und z. B. Berechnungsmethoden verändern will. Auch die Physik spielt ein Stück weit eine Rolle. Unverzichtbar sind fundierte Kenntnisse in Chemie.

A: Welche Anforderungen werden an die Hardware gestellt?

U: Die Anforderungen an den Rechner hängen natürlich stark vom jeweiligen Projekt ab. Molekülmechanik z. B. stellt überhaupt keine hohen Anforderungen an die Geschwindigkeit des Rechners. Im Prinzip genügt dafür ein moderner PC, vor allem wenn man Freeware-Programme einsetzt. Kommerzielle Programme wie SYBYL oder Insight setzen jedoch eine Workstation von Silicon Graphics voraus. Wir haben ein solches Gerät, es hat etwa 15000 Euro gekostet. Silicon Graphics hat schon vor 25 Jahren Systeme mit hervorragender Graphik gebaut. Die damaligen PC's konnten da nicht mithalten. Logischerweise wurde die Software dann auch für Silicon Graphics Workstations entwickelt. Das ist bis heute so. Allerdings gibt es inzwischen Ansätze die Programme auf Linux zu übertragen. Windows scheidet aus, es ist zu instabil. Linux ist aber auch nicht ganz unproblematisch. Es handelt sich ja um ein offenes System, Linux ist nicht gleich Linux. Für welches Linux soll also die Portierung erfolgen?

A: Wir bedanken uns für die Zeit und die Mühe!

Benjamin Bögel, KS12, und Berhard Frauendienst, KS12