Abacus - Artikel aus Heft 14

 

 

High Tech Glas aus Furth im Wald

ein Interview bei der Firma Flabeg

Am 7. November 2003 besuchten die Abacus Redakteure Matthias Denk und Thomas Nöth die Firma Flabeg in Furth im Wald. Sie führten ein etwa zweistündiges Gespräch mit dem Diplomchemiker Dr. Dirk Jödicke zum Thema "High Tech Glas".

Herr Dr. Dirk Jödicke, 1962 in Gelsenkirchen geboren, studierte Chemie in Bochum. In seiner Diplom- und auch in seiner Doktorarbeit befasste er sich mit Reaktionsmechanismen aus der organischen Chemie. 1991 begann er bei der Flachglas AG in Gelsenkirchen in der Abteilung "Forschung und Entwicklung" zu arbeiten und untersuchte dort "Intelligente Gläser". Sein Ziel war es Elektrochromie auf Glas anzuwenden. Durch Anlegen einer elektrischen Spannung sollte die Lichtdurchlässigkeit des Glases geändert werden können. Dabei waren etliche Probleme zu lösen: Es mussten transparente Elektroden und Polymerelektrolyte entwickelt und in äußerst dünner Schicht auf Glas aufgebracht werden. Auch die Übertragung der Laborergebnisse auf technischen Maßstab war nicht selbstverständlich. 1996 wechselte er zur Fa. Flabeg in Furth im Wald und baute dort neben dem chemischen Labor auch Produktionsanlagen auf. Bis heute leitet er bei dieser Firma das Labor für chemische Technologie.

Zur Geschichte der Firma Flabeg

1882 wurde die Glashütte Kupfer & Glaser gegründet, aus der 1939 die Spiegelglasunion hervorging, welche 1952 in Unionglas AG umbenannt wurde. 1953 wurde der Glasofen geschlossen, in dem die Firma bis dahin das Glas für ihre Produkte erschmolz. Seither wird das Rohprodukt bei anderen Herstellern eingekauft und in der Firma entsprechend veredelt. 1971 schlossen sich die Unionglas AG, Flabeg und Westspiegel zur Flabeg GmbH zusammen. Im Jahre 2000 löste sich Flabeg aus diesem Zusammenschluss heraus und bildet nun die eigenständige Flabeg GmbH & Co. KG.

Die Flabeg heute

Der Hauptsitz der Firma befindet sich in Furth im Wald. Sie beschäftigt dort 380 Mitarbeiter und verfügt auf einem Gelände mit 45200 m² über eine Produktionsfläche von 28638 m². Die Firma hat Niederlassungen in Großbritannien, Spanien, Italien, Tschechien, Rumänien, in den USA und in Brasilien. Zu ihren Produkten gehören Autospiegel - 70% des Weltmarktbedarfs werden von der Flabeg gedeckt -, technische Gläser, z.B. Antireflexgläser, Solarsysteme (Photovoltaik, solarthermische Anlagen) und hochspezialisierte Fenstergläser (elektrochromes Isolierglas).

Hydrophile und hydrophobe Spiegel

Damit man sich in Glas spiegeln kann, muss auf der Rückseite eine dünne reflektierende Schicht aufgebracht werden. In der Regel besteht diese Schicht aus Silber oder Chrom. Silber reflektiert hervorragend, Chrom etwas schlechter, was aber bei Rückspiegeln im Auto von Vorteil ist: Sie blenden bei Nacht weniger. Noch günstiger für Abblendspiegel ist eine Beschichtung aus Teref Blau. Derartige Spiegelbeschichtungen sind Standard und seit langem im Einsatz.

Interessant sind neuartige Beschichtungen auf der Vorderseite des Spiegels, die einen Nachteil beseitigen sollen, den jeder Autofahrer kennt: Bei Regen verteilen sich zahllose Wassertropfen auf dem Außenspiegel, die die Sicht behindern. Bei der Flabeg wurde in den letzten Jahren eine sogenannte hydrophile Beschichtung entwickelt. Die Wassertropfen bilden auf einer solchen Schicht keine halbkugelförmigen Tropfen, sie fließen vielmehr flach auseinander, sodass sich bei Regen ein zusammenhängender dünner Flüssigkeitsfilm ergibt, der die Spiegelwirkung nicht beeinträchtigt. Ein derart beschichteter Spiegel ist selbstreinigend. Die Beschichtung ist inzwischen ausgereift und soll demnächst auf den Markt kommen. Die Wirkung der hydrophilen Beschichtung ist an dem Kontaktwinkel zu erkennen, den ein Wassertropfen mit der Spiegeloberfläche einschließt. Bei normalem Glas liegt dieser Winkel zwischen 40° und 50°. Ist er kleiner als 10°, bezeichnet man die Oberfläche als hydrophil. Dieser Kontaktwinkel wird mit Hilfe eines computergesteuerten Geräts gemessen. Der PC dient dabei nicht nur zur Messung und Auswertung, sondern auch zur Dokumentation der Ergebnisse.

Das Gegenstück zum hydrophilen Spiegel ist der hydrophobe Spiegel. Bei einer hydrophoben Beschichtung ist der Kontaktwinkel größer als 100°, das Wasser bildet Kügelchen, die abperlen. Auch eine solche Beschichtung wurde bei der Flabeg entwickelt. Sie werden bei Autospiegeln aber wohl nicht zum Einsatz kommen, da sie einen deutlichen Nachteil aufweisen: Bei normalem Regen bilden sich große Tropfen, die rasch abperlen und eine gute Sicht ermöglichen. Bei Nieselregen sind die Tröpfchen jedoch so klein, dass ihr Eigengewicht nicht zum Abtropfen ausreicht. Die Sicht bleibt behindert.

Elektrochromes Glas

Ein Highlight unseres Besuches waren die Demonstrationen und Erläuterungen zum Thema "elektrochromes Glas". Darunter versteht man  Glas, dessen Lichtdurchlässigkeit sich mit Hilfe elektrischer Spannungen manuell oder automatisch den Lichtverhältnissen anpassen lässt.

Glas mit veränderlicher Transparenz kennt man von Brillen, die sich bei starkem Lichteinfall automatisch abdunkeln. Licht löst in diesen "photochromen Gläsern" eine umkehrbare chemische Reaktion aus, die ein dunkles Produkt erzeugt. Dies funktioniert jedoch nur bei Temperaturen um die 25 °C einwandfrei. Bei Brillengläsern ist das der Fall, nicht jedoch bei Fensterscheiben. Hier liegt das Anwendungsgebiet von elektrochromem Glas.

Dieses Glas ist aus mehreren Schichten aufgebaut: Außen befinden sich zwei Glasscheiben, auf deren Innenseite jeweils eine leitfähige Schicht und eine durchsichtige Elektrode aufgebracht sind. Dazwischen befindet sich eine ebenfalls leitfähige und lichtdurchlässige Kunststoffschicht. All diese Schichten sind äußerst dünn. Legt man an die beiden Elektroden eine elektrische Gleichspannung von etwa 3 V an, so beginnen in den Schichten gewisse Ionen zu wandern. Wenn diese ausreichend weit in die Elektroden eingedrungen sind, wird eine der beiden Elektroden blau und die Scheibe verdunkelt sich. Kehrt man die Spannung um, wandern die Ionen in die andere Richtung und das Glas erreicht wieder die ursprüngliche Helligkeit. Zum völligen Abdunkeln und auch zur völligen Aufhellung ist jedesmal etwa 1/4 Stunde Zeit erforderlich. Der Vorgang lässt sich bei jeder gewünschten Lichtdurchlässigkeit stoppen, der Verdunklungsgrad bleibt auch nach Abschalten der elektrischen Spannung erhalten.

Die Helligkeit der Fenster lässt sich durch eine Steuerung regulieren, die wie ein Lichtschalter in der Nähe der Fenster angebracht ist. Man drückt einfach auf einen Knopf um den Kontrast des Fensters einzustellen. An eine solche Steuerung können bis zu 32 Fenster angeschlossen werden. Zur Entwicklung der Elektronik, die die Elektrolysespannung steuert, waren drei Jahre erforderlich.

Noch sind elektrochrome Fenster nicht serienreif. Sie werden seit 2001 einer intensiven Prüfung unterzogen. Dazu gehören Heißlagerung, Kaltlagerung, Temperaturschock, Klimawechseltest, Feuchtraumtest (50 °C, 95 % relative Luftfeuchtigkeit), Freibewitterung und UV-Test.

Das Chemielabor

Die Flabeg verfügt über ein eigenes Chemielabor, in dem derzeit 12 Personen beschäftigt sind. Es dient zur Durchführung verschiedener analytischer Untersuchungen, wie z.B. der bereits erwähnten Kontaktwinkelmessung. Zur Überprüfung der Reinheit und des Mischungsverhältnisses der Chemikalien, die zur Herstellung der elektrisch leitenden Polymere für das elektrochrome Glas benötigt werden, wird ein hochempfindlicher Gaschromatograph im Wert von ca. 20000 Euro eingesetzt. Dieses Gerät vermag bei entsprechender Steuerung durch einen PC zahlreiche Proben nacheinander automatisch zu analysieren. Auf diese Weise können die zeitaufwendigen Analysen über Nacht durchgeführt werden, ohne dass eine Person anwesend sein muss. Der dafür notwendige Autosampler hat weitere 7500 Euro gekostet. Der Computer steuert den Gaschromatographen, indem er die Proben einführt und die Temperatur und den Gasdruck regelt. Er zeichnet aber auch die Signale automatisch auf, gibt die Chromatogramme am Bildschirm und auf dem Drucker aus, wertet sie aus und vergleicht die Ergebnisse mit bereits gespeicherten Daten.

Thomas Nöth, KS12