Rent-a-Scientist
ein ungewöhnliches, innovatives Unternehmen
Am 29. Oktober 2004 fanden sich die beiden Abacus Redakteure Matthias Denk und Thomas Nöth um 15.00 Uhr im Gebäude der Firma Rent-a-Scientist in der Straubinger Straße 81 in Regensburg ein, um mit Herrn Dr. Raimund Brotsack, einem Mitbegründer der Firma, ein Interview zu führen.
Würden Sie sich bitte unseren Lesern kurz vorstellen?
Mein Name ist Dr. Raimund Brotsack. Ich besuchte
von 1976 bis 1985 das BSG in Kötzting, wo Herr Steidl mein Lehrer im Leistungskurs Chemie war. Nach einem Jahr bei der Bundeswehr folgte das Chemiestudium an der Uni Regensburg an, das ich 1992 mit der Diplomarbeit abschloss. 1993 wechselte ich wegen der Doktorarbeit zur Technischen Universität München. Ich habe dort die Auswirkungen des Flugbetriebs des neuen Flughafens auf Boden und Pflanzen untersucht. Das Problem sind die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, die sog. PAKs, die bei der Verbrennung des Treibstoffs im Flugzeugmotor entstehen. Um Ihre Wirkung zu erfassen habe ich an 17 Stationen so genannte Indikatorpflanzen angebaut, die die PAKs entweder aufsammeln oder indirekt auf sie reagieren. Parallel dazu habe ich schon 1995 zusammen mit Herrn Robert Nusko und Herrn Georg Maier mit dem Aufbau der Firma Rent-a-Scientist begonnen.
Was unterscheidet diese Firma von anderen wissenschaftlich orientierten Betrieben?
Unser Ziel ist nicht die reine wissenschaftliche Forschung, wir beachten auch die betriebswirtschaftlichen Aspekte. Wir wollen unsere Ideen und Produkte ja verkaufen.
Wir verstehen wir uns als "Unternehmensberatung" und sind dabei in der Lage geeignete technische Verfahren für den Kunden zu entwickeln. Wir kümmern uns um den Kunden und helfen ihm dort, wo es erforderlich ist und wo er es wünscht.
Welche Dienstleistungen bietet Ihre Firma an?
Wir bieten unseren Kunden ein ziemlich breit gefächertes Feld an Dienstleistungen an. Wir begleiten sie von der Ideenfindung bis zum fertigen Produkt. Wir prüfen die Ideen im Hinblick auf die Kosten, die Machbarkeit, auf eventuell bestehende Schutzrechte, auf Patentfähigkeit und auf Förderfähigkeit. Wir helfen auch bei der Optimierung bestehender Produkte. Wenn der Kunde es wünscht, unterstützen wir ihn bei der Entwicklung des Produkts bis zu seiner Markteinführung. Wir wollen Antrieb und Erfolgsgarant für Innovationsprojekte sein.
Was brachte Sie auf diese eigentlich ungewöhnlichere Geschäftsidee?
Wir waren drei Freunde und hatten alle drei erfolgreich Chemie studiert. Wir hatten zwar lukrative Angebote aus der Industrie, unser Wunsch war es aber zusammen zu bleiben und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Wir wollten unsere wissenschaftlichen Fähigkeiten einsetzen um etwas Neues zu entwickeln, etwas, was sich auch verkaufen lässt.
Wie viel Fremdkapital haben Sie zum Start benötigt?
Wir haben unser gesamtes Geld, das wir während unserer zweijährigen Assistententätigkeit an der Universität verdient haben, in die Firma gesteckt. Das war nicht allzu viel, aber es hat gereicht, weil wir auf die Anschaffung teurer Geräte verzichtet haben. Für spezielle Analysen, z. B. Röntgen- oder elektronenmikroskopische Untersuchungen, stand uns die Uni ja immer noch offen. Wir haben also zu keinem Zeitpunkt Schulden gemacht.
Wo befindet sich Ihre Firma?
Seit Anfang Oktober 2004 befinden wir uns in der Straubinger Straße 81 in Regensburg. Außerdem haben wir bei Wörth a. d. Donau ein Feldlabor, wo wir eine Biogas-Testanlage betreiben.
Wer waren ihre ersten Kunden?
Der erste Kunde war der Heinzelmännchen Textil Service. Kurz darauf kam es zur Zusammenarbeit mit Norwegean Crystallite. Diese Firma baut Calcit ab, ein Mineral, das als weißer Füllstoff für Papier eingesetzt wird. Damit das Material immer gleich weiß ist, müssen die Begleitstoffe mit Hilfe von Tensiden abgetrennt werden. Das Verfahren dazu heißt Flotation. Das Gelingen der Abtrennung setzt einen gewissen Gehalt an freien Tensiden in der Flotationslauge voraus, der früher nur mit einer umständlichen, zwei Tage dauernden Methode bestimmt werden konnte. Wir haben ein Verfahren entwickelt, das nur wenige Minuten in Anspruch nimmt. Unser Verfahren soll übrigens auch bei BMW eingesetzt werden, wo Tenside bei der Blechreinigung eingesetzt werden.
Könnten Sie uns einen Einblick in ein aktuelles Projekt geben?
Ein aktuelles Projekt ist die Entwicklung von Textilien mit so genannten High Tech Garnen zusammen mit der Firma W. Zimmermann, die im Allgäu zu Hause ist. Bei der Herstellung dieser Garne wird anstelle eines zusätzlichen normalen Fadens ein hauchdünner, fast unsichtbarer lackierter Kupferdraht eingearbeitet. Die daraus hergestellten Gewebe werden schon jetzt zur Abschirmung elektromagnetischer Strahlung hergestellt und verkauft. Die Entwicklung ist hier aber noch nicht abgeschlossen.
Weil dieses Garn elektrisch leitend ist, wird es möglich sein Strom- und Datenleitungen unsichtbar und unfühlbar in Bekleidungsstoffe einzuarbeiten. Man könnte Funkausrüstungen für Notärzte oder Detektoren für Feuerwehrleute ganz ohne störende Kabel verdrahten. Die Visionen gehen sogar soweit, dass man einen kompletten Computer in der eigenen Jacke tragen kann. Aber auch die bereits erhältliche "MP 3 Jacke" von Infineon könnte in Zukunft ohne eigens verlegte Kabel auskommen. Das aufwändige Herauslösen der Leitungen vor jeder Reinigung würde der Vergangenheit angehören. Der Akku ist das einzige nicht in die Jacke integrierte Gerät. Die hier erforderliche Steckverbindung ist ein noch nicht vollständig gelöstes Problem. Daran arbeiten wir gerade.
Mit unseren Ideen haben wir übrigens mitgeholfen eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen in der bayerischen Textilindustrie zu erhalten. Ohne innovative Ideen wäre der Standort Bayern sehr gefährdet. Herkömmliche Textilprodukte können woanders oft kostengünstiger hergestellt werden.
Welches war bisher ihr erfolgreichstes Projekt?
Schwer zu sagen, wir haben mehrere sehr erfolgreiche Projekte. Zum Beispiel das Projekt "Strom aus Algen", an dem wir mit der Schmack Biogas AG arbeiten. Biogas wird bisher zur Strom- und Wärmegewinnung verbrannt. Einen um etwa 5% höheren Wirkungsgrad könnte man erreichen, wenn man mit dem Methan, dem Hauptbestandteil von Biogas, Brennstoffzellen betreiben würde. Dabei gibt es zwei Probleme: Im Biogas sind neben ziemlich viel Kohlenstoffdioxid in kleinen Mengen auch andere Gase enthalten, die in der Brennstoffzelle stören. Wir haben ein Verfahren entwickelt, mit dem wir mit Hilfe von Algen die Verunreinigungen nahezu vollständig entfernen können. Ein weiteres Problem, das bei Biogasanlagen auftreten kann, haben wir auch gelöst: Biogasanlagen werden häufig sauer, weil die im Prozess zwischendurch entstehenden Fettsäuren zu langsam weiter verarbeitet werden. Wir haben einen Schnelltest entwickelt, der es dem Landwirt ermöglicht rechtzeitig gegenzusteuern. Das ist sehr wichtig. Es dauert nämlich etwa sechs Wochen, bis eine sauer gewordene Biogasanlage wieder ordentlich arbeitet. Früher hat der Landwirt alle zwei Wochen eine Probe entnehmen, verpacken, zur Post bringen und einige Tage auf den Laborbefund warten müssen. Heute kann er mit dem von uns entwickelten Gerät den Test selbst vornehmen.

Ziel der EU ist es, den Anteil der nachwachsenden Rohstoffe bei der Energieerzeugung bis 2010 von derzeit 6% auf 12% zu steigern, damit man etwas unabhängiger von Atomkraft und Erdöl wird. Unser Projekt "Strom aus Algen", für das wir übrigens ein Patent besitzen, wird daher mit EU-Mitteln gefördert.
Wirklich erfolgreich ist auch unser Projekt "AgPure". Wir haben ein kostengünstiges Verfahren zur Herstellung von feinst verteiltem Silber, sog. Nanosilber, entwickelt. Mit diesem Nanosilber können wir Kunststoffe antibakteriell machen. Unser Produkt findet sich z. B. in Zahnputzbechern, in den Borsten von Zahnbürsten oder in Lacken, mit denen Kinderspielzeug oder Krankenhausmöbel lackiert werden. Wahrscheinlich werden wir das Nanosilberverfahren patentieren lassen und für die Produktion unserer Nanosilberprodukte eine eigene Firma gründen.
Sind Sie mit der Auftragslage zufrieden?
Obwohl wir eigentlich ein kleines Unternehmen sind und deshalb starken Schwankungen unterliegen, sind wir mit unserer Auftragslage sehr zufrieden. Die wirtschaftliche Krise 2002, in der viele Firmen stark unter konjunkturellen Einrüchen leiden mussten, haben wir kaum mitbekommen. Dafür haben wir 2003 einen Umsatzeinbruch hinnehmen müssen. Heute, 2004, sind wir wieder bis an die Kapazitätsgrenzen ausgelastet.
Gibt es auch Aufträge, die Sie ablehnen müssen?
Es gibt zwei Gründe, warum wir gelegentlich auch Aufträge ablehnen müssen. Zum einen, wenn die an uns gestellten Anforderungen zu diffus formuliert werden und wir das Gefühl haben, dass es beim Auftraggeber keinen kompetenten Ansprechpartner gibt. Zum anderen, wenn es weniger um Entwicklung, sondern vielmehr um Anlagenbau geht. Wir können unseren Kunden mit unserem Know how bei der Ideenfindung und bei der Entwicklung bis hin zur Markteinführung des fertigen Produkts helfen. Wir können auch Pilotanlagen entwerfen und testen, die endgültigen Großanlagen müssen die Kunden allerdings selbst erstellen. Wir sind keine Anlagenbauer.
Auf Ihrer Homepage haben wir gefunden, dass sie innovative Chemiepraktika anbieten. Wie sehen diese Praktika aus?
Wir bieten Projektplanungspraktika für Biologie-, Chemie- und Maschinenbaustudenten an. Die Studenten kommen hauptsächlich von den Fachhochschulen und Universitäten in Regensburg, Deggendorf und Weihenstephan. Sie lernen bei uns in drei bis vier Monaten selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten. Sie führen Recherchen durch und übernehmen kleinere Entwicklungsarbeiten.
Wie viele Mitarbeiter hat ihre Firma? Stellen Sie derzeit auch neue Mitarbeiter ein?
Der feste Mitarbeiterstamm umfasst vier Chemiker, zwei Biologen und einen Kaufmann. Im Januar werden wir einen weiteren Chemiker einstellen. Zur Zeit arbeiten auch drei Diplomanden hier. Daneben gibt es noch eine Reihe freier Mitarbeiter.
Wir wird man bei Ihnen Mitarbeiter?
Man muss einfach die Kompetenzen mitbringen, die wir momentan benötigen.
Welche Rolle spielt der PC in Ihrer Firma?
Wir haben hier im Betrieb ein eigenes Netzwerk mit Server. Wir brauchen den Rechner zur Dokumentation und Auswertung unserer Ergebnisse und zur Präsentation und dann natürlich für die üblichen Büroarbeiten. Wir arbeiten mit Excel, Word und PowerPoint. Wir sind Nutzer, keine Programmierer. Unsere Internetseiten entwerfen wir allerdings selbst.
Wir bedanken uns recht herzlich für dieses sehr interessante Interview!
Matthias Denk, KS 13
Thomas Nöth, KS 13