Die Mikrosystemtechnik
oder die (fast) 100%ige Arbeitsplatzgarantie
Ein ausgewählter Artikel aus Heft 9
Am 15. Oktober 1998 trafen sich drei Abacus-Redakteure nebst Chefredakteur mit Prof.
Dr. Hummel an der Fachhochschule Regensburg, um sich über den relativ neuen
Studiengang der Mikrosystemtechnik zu informieren
Abacus:
- Bevor wir zu den fachbezogenen Fragen kommen, würden wir Sie bitten sich unseren
Lesern kurz vorzustellen.
- Prof. Hummel:
- Ich war auf einem humanistischen Gymnasium, musste dieses aber auf Grund meiner
schlechten Leistungen in Latein und Griechisch verlassen. Nach einer Lehre als
Fernsehtechniker habe ich das Abitur nachgeholt und Physik studiert. Meinen Abschluss als
Diplomphysiker habe ich an der Universität Regensburg gemacht. Anschließend promovierte
ich dort auf dem Gebiet der Polymerphysik. Ich habe mich also mit den physikalischen
Eigenschaften von Kunststoffen beschäftigt.
Danach wechselte ich in die Industrie, genauer zu SIEMENS. Ich wollte mich mit neuen
Themen befassen und ging nach Perlach. Hier arbeitete ich zum ersten Mal im Bereich der
Mikroelektronik. Ich konnte mich zwischen Hard- und Softwareentwicklung entscheiden und
wählte den Hardwarebereich.
Damals war das sog. "MEGA-Projekt" aktuell. Am Markt war gerade der 256 Kbit-Chip. Heute
entlockt uns ein Chip mit dieser Speicherkapazität natürlich nur noch ein müdes Lächeln.
Das MEGA-Projekt befasste sich mit der Entwicklung des 1 Mbit-Chips und Siemens
investierte sehr viel Geld und Zeit in dieses Unterfangen. Ich war an vorderster Front an der
Entwicklung beteiligt. Unsere Arbeitszeiten als Entwickler kann man nicht genau definieren.
Mit anderen Worten: Besprechungen um 1 Uhr nachts waren nichts Ungewöhnliches. Als
alles glatt zu laufen schien und ich mir sogar einen Kurzurlaub leisten konnte, kam das böse
Erwachen. Kaum war ich zurückgekehrt, musste ich in der Zeitung lesen, dass Siemens nicht
auf die Entwicklung des firmeneigenen Chips wartete, sondern vom japanischen
Konkurrenten Toshiba den 1 Mbit-Chip gekauft hatte. Das war natürlich ein Schlag ins
Gesicht der Entwickler.
Ich erhielt eine neue Aufgabe: Ich sollte den Entwicklungsprozess der Japaner nach
Deutschland transformieren und in Regensburg das MEGA-Werk aufbauen. Mein primärer
Aufenthaltsort war somit prädestiniert: Japan. Bei diesem Prozess-Transfer gab es allerdings
seltsame Probleme. Bestimmte Vorgänge wollten bei uns einfach nicht klappen, obwohl wir
uns genau an die Anleitung der Japaner hielten. Schließlich fanden wir den Grund: Es lag am
Wasserstoffperoxid, das Toshiba bei dem Herstellungsprozess verwendete. Diese
Chemikalie war bei uns um einiges reiner als in Japan und mit dieser reinen Chemikalie war
es anfangs nicht möglich, den japanischen Herstellungsprozess erfolgreich in Deutschland
durchzuführen. Man könnte auch sagen, dass der japanische Erfolg letzten Endes eine Folge
der schlampigen Wasserstoffperoxidherstellung war. Die niedrige Ausschussquote von
Toshiba lag gerade an diesem unreinen Wasserstoffperoxid. Hätten die Japaner irgendwann
einmal Wasserstoffperoxid größerer Reinheit verwendet, wäre ihre Chipproduktion von einem
Tag auf den anderen zusammengebrochen. Sie wussten ja nicht, dass es gerade auf
bestimmte Verunreinigungen ankam.
Nach dieser Tätigkeit erhielt ich einen Ruf an die Fachhochschule Regensburg, dem ich
gerne Folge leistete. Dort baute ich in relativer kurzer Zeit einen neuen Studiengang auf: die
Mikrosystemtechnik. Die ersten Vorlesungen gab es im Wintersemester 1990/91. Damals
waren wir bundesweit die erste Hochschule, mittlerweile gibt es aber weitere Hochschulen
mit diesem Studienangebot, z. B. seit 1996/97 die Universität Freiburg. In Bayern sind wir
aber immer noch die einzige Hochschule, die das Studium der Mikrosystemtechnik anbietet.
Abacus:
- War es leicht, diesen neuen Studiengang aus dem Boden zu stampfen?
- Prof. Hummel:
- Es ist eigentlich ein Wunder, dass es diesen Studiengang heute überhaupt gibt. Mein
Vorschlag musste natürlich verschiedene Ministerien durchlaufen und dort genehmigt
werden. Das nahm Zeit in Anspruch. Von der Konzeptionsphase bis zur ersten Vorlesung
vergingen gut 3 Jahre. Ich war aber trotzdem positiv überrascht, dass es nur 3 Jahre waren,
denn die Mikrosystemtechnik ist ein vollkommen neues Studium, nicht etwa eine
Schwerpunktsauslagerung aus einem anderen Fachbereich.
- Abacus:
- Warum haben Sie ein eigenes Studium für die Mikrosystemtechnik geschaffen und sie
nicht als Anhängsel z. B. beim Maschinenbau untergebracht?
- Prof. Hummel:
- Für die Mikrosystemtechnik ist sehr viel naturwissenschaftliches Verständnis erforderlich.
Deshalb hat es keinen Sinn, die Mikrosystemtechnik einfach z. B. an das Studium des
Maschinenbaus anzugliedern. Wenn Sie Maschinenbau studieren, betreiben sie anfangs nur
eine Art "Mini-Physik" und keine Chemie mehr. Das ist keine Basis für die
Mikrosystemtechnik. Auch eine Angliederung an die Physik macht keinen Sinn. Die Physiker
versuchen, die Natur zu erklären. Die Mikrosystemtechnik versucht dagegen, neue Dinge zu
schaffen.
- Abacus:
- Wie sind Sie auf die Mikrosystemtechnik gekommen?
Prof. Hummel:
- Den ersten Kontakt mit diesem Bereich hatte ich wie gesagt bei SIEMENS in der
Chipherstellung. Dabei fiel mir auf, dass es auf diesem Gebiet eigentlich keine geschulten
Fachkräfte gab, obwohl sie so dringend gesucht wurden. Unser Team bestand zu 90% aus
Physikern und zu 10 % aus Chemikern. Als Physiker hat man zwar eine gute Grundlage,
braucht aber trotzdem zwei Jahre, bis man sich in das Thema eingearbeitet hat. Die Industrie
hat förmlich nach einem neuen Typ von Ingenieur geschrien. So kam ich auf die Idee einen
neuen Ingenieurtyp zu schaffen. Er sollte auf Grund seiner Fähigkeiten in dieser
Schlüsseltechnologie praktisch überall einsetzbar sein.
Der entscheidende Anstoß für die Mikrosystemtechnik war die exponentiell wachsende
Integrationsdichte bei Chips und Speichermodulen. In drei Jahren wächst die
Integrationsdichte bei Chips auf das Vierfache an. Damit sinkt der Preis pro Bit ins
Bodenlose. Hätte die Automobilbranche eine ähnliche Entwicklung durchgemacht, würde ein
Auto nur noch 50 Pfennige kosten.
Wir sahen also, welche Zukunft in der Chipherstellung liegt. Wir sahen aber auch die
damaligen Peripheriegeräte, etwa die Nadeldrucker. Während man bei den
Speicherbausteinen schon einen gewaltigen Fortschritt gemacht hatte, herrschte bei den
Peripheriegeräten noch Dampfmaschinenzeitalter.
So kam die Frage auf, ob die Entwicklung in der Elektronik auf die Mechanik und die Optik
übertragen werden könnte. Mikrooptik und Mikromechanik waren Ende der 70er Jahre zu
Schlagwörtern geworden. In der Mikrooptik fing man an, winzig kleine Dioden und Linsen zu
produzieren. Dann baute man unglaublich kleine mechanische Elemente. Das war die
Grundlage für die Mikrosystemtechnik.
Das Ziel der Mikrosystemtechnik ist die Herstellung monolithischer Chips. Man möchte eine
Art Universalchip schaffen, der sowohl optische als auch elektrische und mechanische
Funktionen besitzt. Wir stehen erst am Anfang dieser Chip-Evolution. Vor fünf Jahren wurden
erste Prognosen über den Verlauf der Mikrosystemtechnik angestellt. Diese waren sehr
positiv, wurden von der Realität aber noch übertroffen.
- Abacus:
- Können Sie Beispiele nennen, wo Produkte der Mikrosystemtechnik heute bereits
eingesetzt werden?
Prof. Hummel:
- Schauen Sie sich einen Mikroprozessor an. Der Prozessor ist im Vergleich zum Chip
riesengroß, da er eine Unmenge von In- und Outputs für den Chip ermöglichen muss. Unser
Ziel ist es diese Input/Output-Schaltungen zu minimieren.
Ein anderes Beispiel sind Drucksensoren. Da verwenden wir die Silicium-Technologie. Wir
ätzen hier unglaublich dünne Flächen heraus und schaffen dadurch feine, druckempfindliche
Membranen. Diese Sensoren arbeiten absolut präzise. Da sie heute in Massenproduktion
hergestellt werden, kosten sie nur noch Pfennigbeträge. Vor fünf Jahren war das noch ein
Exotikum, heute lockt man damit niemanden mehr hinter dem Ofen vor.
Zur Demonstration der Leistungsfähigkeit der Mikromechanik haben wir einen Motor
nachgebaut - maßstabsgerecht und funktionsfähig, aber nur noch ein paar Millimeter groß.
Die Übertragung derselben Prinzipien auf Miniaturformat ist aber eigentlich der falsche Weg.
Man muss umdenken. Ein hervorragendes Beispiel ist eine Pumpe, die am IFT München
hergestellt wurde. Die Pumpe ist 3 mm hoch, 3 mm breit und einen halben Millimeter tief. Sie
pumpt innerhalb einer Minute ein Schnapsglas leer. Das ist bei ihrer geringen Größe eine
unglaubliche Leistung. Das Genialste an dieser Pumpe ist aber, dass sie kein bewegliches
Teil hat und damit keinen Verschleiß aufweist. Sie hat weder einen Kolben noch sonst etwas
Vergleichbares. Sie arbeitet nach einem ganz anderen Prinzip: In der Pumpe befinden sich
zwei Gitter, die in Siliciumtechnologie erzeugt wurden. Der Abstand zwischen diesen beiden
Gittern beträgt ca. einen halben Millimeter. An diese Gitter wird eine Spannung von 100 V
gelegt. Es lösen sich Elektronen aus dem Gittermaterial, die durch die Spannung
beschleunigt werden und auf ihrem Weg Flüssigkeitsmoleküle ionisieren. Die ionisierten
Flüssigkeitsmoleküle werden nun ebenfalls im elektrischen Feld beschleunigt und so in eine
Richtung bewegt, die Flüssigkeit wird gepumpt. Die Pumpe hat nur einen Nachteil: Sie pumpt
kein Wasser, da Wasser dissoziiert.
Im medizinischen Bereich erhoffen wir uns für die Zukunft zum Beispiel, mit Nervenprothetik
Querschnittsgelähmten das Gehen zu ermöglichen. Aber auch heute schon gibt es in der
Medizin eine große Nachfrage nach unseren Produkten. Es ist für uns z. B. kein Problem
Filter zu bauen, deren Durchlässe auf ganz bestimmte Bakterien abgestimmt sind.
Herkömmliche Filter arbeiten mit Geweben, deren Porengröße statistisch um einen Mittelwert
schwankt. Die Mikrosystemtechnik ermöglicht die Herstellung von Filtern, bei denen die
Poren alle genau denselben definierten Durchmesser haben.
Wir entwickeln auch chemische Sensoren. Mit mehreren solcher "chemischer Nasen" kann
man Gasgemische analysieren. Das Schwierige dabei ist, dass die einzelnen Sensoren nicht
nur auf "ihr" Gas ansprechen, sondern in geringem Maße auch auf andere Gase. Mit
mathematischen Methoden ist aber eine eindeutige Auswertung möglich.
- Abacus:
- Welche Voraussetzungen sollte man für das Studium der Mikrosystemtechnik mitbringen?
- Prof. Hummel:
- Die wichtigste Voraussetzung für das Studium ist die Fähigkeit naturwissenschaftlich zu
denken und die Bereitschaft sein ganzes Herzblut in die Sache zu stecken. Während des
Studiums müssen Sie sich viel mit Chemie und Physik auseinandersetzen. Wenn jemand
also kein Interesse an diesen Fächern besitzt, kann man ihm vom Studium der
Mikrosystemtechnik nur abraten. Das Gleiche gilt für Leute, die nur am Programmieren
interessiert sind. Die sollten besser Informatik studieren. Es ist natürlich vorteilhaft eine
Programmiersprache, möglichst C oder eine andere hardwarenahe Sprache, zu
beherrschen. Programmieren ist aber nicht der eigentliche Sinn und Zweck dieses Studiums.
Ein Ingenieur der Mikrosystemtechnik muss Naturwissenschaft und Ingenieurtechnik
verbinden. Er muss sich immer die Frage stellen, wie man eine Idee in die Realität umsetzen
kann, sodass eine rentable Produktion möglich wird. Es genügt nicht Einzelaspekte zu
optimieren, das System muss optimiert werden.
- Abacus:
- Welche Fächer belegt man im Studium?
- Prof. Hummel:
- Wie zu erwarten, zieht sich die Physik durch das ganze Studium und auch die Chemie
wird außergewöhnlich stark benötigt.
Wie bei jedem anderen naturwissenschaftlichen Studium spielt die Mathematik eine sehr
große Rolle. Ein Unternehmen muss wissen, wie lange ein System laufen kann und wann es
erneuert werden muss. Hier helfen keine groben Schätzungen, vielmehr sind genaue
Statistiken erforderlich. Ansonsten wäre die Herstellung qualitativ hochwertiger Chips ein
Lotteriespiel. Heute ist man glücklich, wenn 80 % der produzierten integrierten Schaltungen
in Ordnung sind. Ein Mikrosystemtechniker muss in der Lage sein z. B. Hochrechnungen
über die Lebensdauer von Speichermodulen durchzuführen.
Die Informatik spielt natürlich auch eine Rolle, aber für welches naturwissenschaftliche
Studium trifft das nicht zu? Früher haben wir mit Pascal programmiert, sind dann aber auf C
umgestiegen, da man mit C hardwarenäher programmieren kann.
Nicht zu vergessen ist auch die Betriebswirtschaftslehre. Sie müssen in der Lage sein, wie
ein Unternehmer zu denken und zu handeln. Was hilft Ihnen der beste Chip, wenn er auf
Grund seiner Herstellungskosten nicht zu verkaufen ist? Wirtschaftliches Denken und
Kenntnisse im Patentrecht sind wichtig.
Daneben gibt es bei uns Nebenpflichtfächer von Arbeitsrecht bis Chinesisch, die nicht am
Hauptfach orientiert sind und den Studenten Allgemeinwissen näher bringen sollen.
- Abacus:
- Welchen Schulabschluss benötigt man für das Studium der Mikrosystemtechnik?
- Prof. Hummel:
- Sie benötigen entweder das an einem Gymnasium erworbene Abitur oder das Fachabitur
einer Fachoberschule oder Berufsoberschule. Leute, die vom Gymnasium kommen, müssen
ein sechswöchiges Praktikum ableisten, da sie noch nie in Kontakt mit dem "echten
Berufsleben" gekommen sind.
- Abacus:
- Gibt es in Mikrosystemtechnik einen Numerus Clausus?
- Prof. Hummel:
- Heute nicht mehr, da die Bewerberzahlen gesunken sind.
- Abacus:
- Kann man durch eine naturwissenschaftlich orientierte Leistungskurswahl bereits die
Weichen für einen positiven Abschluss der Mikrosystemtechnik stellen?
- Prof. Hummel:
- Es ist im Prinzip egal, welche Leistungskurse Sie besucht haben. Auch Leute mit
Leistungskurs Latein oder Griechisch können das Studium der Mikrosystemtechnik beginnen.
Ob Sie es beenden, ist eine andere Frage. Wir fangen in Chemie und Physik ganz am
Anfang an. Das Tempo ist aber sehr hoch. Jemand, der in der Schule die
Naturwissenschaften vernachlässigt hat, wird sich schwer tun.
- Abacus:
- Wie lange dauert das Studium?
- Prof. Hummel:
- Das Studium dauert acht Semester: zwei Semester Grundstudium, ein Praxissemester,
dann wieder zwei Semester an der Fachhochschule, dann das zweite Praxissemester und
schließlich die zwei Abschlusssemester an der Fachhochschule.
- Abacus:
- Ist das Studium schwierig?
- Prof. Hummel:
- Wird ein Fach z. B. nur ein Semester belegt, so wird am Ende dieses Semesters eine
Prüfung geschrieben und das Fach damit abgeschlossen. Das ist natürlich einfacher, als
wenn man am Schluss über alles geprüft wird. Wenn man eine solche Prüfung nicht besteht,
hat man die Möglichkeit zur Wiederholung. Trotzdem scheiden 40% der Studenten nach dem
zweiten Semester aus. Wir wollen nämlich gleich am Anfang feststellen, ob jemand für dieses
Studium geeignet ist. Wer nach dem zweiten Semester noch da ist, erhält mit größter
Wahrscheinlichkeit auch sein Diplom.
- Abacus:
- Wie würden Sie den Schwierigkeitsgrad Ihres Studienganges im Vergleich zum
Physikstudium an einer Universität einordnen?
- Prof. Hummel:
- Vom Niveau her ist es etwas unter dem Universitätsstudium, vor allem ist es aber viel
praxisorientierter. Es kann also Leute geben, die rein auf Theorie fixiert sind und daher ein
Studium an der Universität leichter bewältigen als den FH Studiengang.
- Abacus:
- Mit welchem Titel schließt man das Studium der Mikrosystemtechnik ab?
- Prof. Hummel:
- Sie schließen das Studium der Mikrosystemtechnik mit dem Titel Dipl. Ing. (FH) ab. Wir
ringen gerade noch mit dem Ministerium, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis wir
anglikanische Abschlüsse wie den Master anbieten können. Den Doktortitel können wir aber
auf absehbare Zeit nicht vergeben.
- Abacus:
- Handelt es sich beim Studium der Mikrosystemtechnik um ein reines "Männerstudium"?
- Prof. Hummel:
- Mikrosystemtechnik wird auch von Frauen studiert, doch sind sie - wie in fast allen
naturwissenschaftlichen Studiengängen - stark unterrepräsentiert. Woher das kommt, weiß
ich nicht, aber für die Physik ist ein Frauenteil von nur 10 % fast typisch. An uns liegt das
nicht, vielleicht ist einfach das Interesse nicht da.
- Abacus:
- Woran liegt es, dass der Studiengang der Mikrosystemtechnik so unbekannt ist?
- Prof. Hummel:
- Vor allem daran, dass der Studiengang noch so neu ist. Ich kann mich noch gut an die
Anfänge erinnern, als ich durchs Land gereist bin und versucht habe den Firmenchefs diesen
neuen Studiengang bekannt zu machen. Jeder Student muss nämlich zwei Praxissemester
in einem Betrieb absolvieren. Die Firmenchefs waren begeistert und haben zugesagt
Praktikumsplätze anzubieten. Als sich unsere Absolventen dann ein Jahr später bewarben,
haben sie prompt Absagen erhalten. Das Problem war, dass ich mit den Chefs gesprochen
hatte. Die Personalbüros waren nicht informiert und sie wussten auch nicht, was
Mikrosystemtechnik ist. Inzwischen ist unser Studiengang aber bei den Firmen bekannt,
sodass es keine Probleme mehr mit den Praktikumsplätzen gibt.
- Abacus:
- Welche Berufsaussichten haben Ihre Absolventen?
- Prof. Hummel:
- Ich kann nur eines sagen: Mittlerweile kommt die Industrie zu uns und fragt nach, wie
viele Leute wir haben. Unsere Absolventen gehen am Arbeitsmarkt weg wie warme
Semmeln.
- Abacus:
- Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Mikrosystemtechnik?
- Prof. Hummel:
- Wir befinden uns an einer Schwelle. Wir stehen jetzt dort, wo die Mikroelektronik vor 20
Jahren war. Der Boom steht uns also erst noch bevor. Nach menschlichem Ermessen ist
einem Ingenieur der Mikrosystemtechnik auch in den nächsten Jahren ein Arbeitsplatz
sicher. Ich sehe hier absolut keine Probleme, es sei denn, die ganze Weltwirtschaft bricht
zusammen. Es gibt nur Anzeichen, die der Mikrosystemtechnik eine glänzende Zukunft
versprechen.
An dieser Stelle bedankt sich die Redaktion bei Prof. Dr. Helmut Hummel für seine wirklich
interessanten Ausführungen und für die viele Zeit, die er für uns aufgewendet hat.
Josef Löffl, KS 12