NEWS - G9-Abitur 2011: Ansprache des Schulleiters OStD Günther Roith

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
sehr geehrte Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Gäste und Freunde unserer Schule,

bei der Bundestagswahl im September 2002 wurde die rot-grüne Koalition in Berlin vom Wähler bestätigt und Gerhard Schröder und Joschka Fischer konnten ihr Regierungsbündnis fortsetzen. Im selben Monat, exakt am 17. September dieses Jahres 2002, fanden sich 75 Mädchen und Jungen in der - damals noch nicht so wunderschön sanierten - Aula unseres Gymnasiums ein, um, begleitet von ihren Klassenleitern Reinhold Geißler, Ulrich Hörner und Werner Steidl, ihre gymnasiale Schullaufbahn zu beginnen. Heute haben sich diese Mädchen und Jungen - zumindest die meisten von ihnen – als junge Frauen und Männer wieder hier versammelt, um gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrern sowie mit zahlreichen Ehrengästen die letzte Etappe ihres Schulweges zu gehen.

In der Zwischenzeit ist viel auf der Welt passiert. Die USA begannen einen Krieg gegen den Irak, ein Erdbeben mit Tsunami im Indischen Ozean kostete fast 250 000 Menschen das Leben und Joseph Ratzinger wurde zum Papst gewählt. Angela Merkel wurde Bundeskanzlerin, das Ausland erlebte die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland als Sommermärchen und der Orkan Kyrill fegte über Europa hinweg. Die Bürger der Vereinigten Staaten wählten Barack Obama zu ihrem 44. Präsidenten, die Schweinegrippe wurde zur Pandemie erklärt und ein Erdbeben in Haiti forderte über 300 000 Menschenleben. Die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte und in Berlin wählte man Christian Wulff zum Bundespräsidenten. In Japan kam es zur atomaren Katastrophe von Fukushima und in den arabischen Staaten begannen die Menschen unter Einsatz ihres Lebens um demokratische Rechte zu kämpfen.

Gleichzeitig eigneten sich unsere diesjährigen Abiturientinnen und Abiturienten biologische und historische Grundkenntnisse an, bekamen eine staatsbürgerliche Grundbildung vermittelt, erlernten Sprachen, wurden mit Gesetzen der Physik vertraut gemacht, bekamen einen Einblick in bedeutende Werke der deutschen Literatur, erwarben wertvolle Kenntnisse in Algebra und Geometrie und erfuhren Wesentliches über den Klimawandel sowie über die großen Werke Shakespeares.

Wie schon viele Schülergenerationen vor ihnen durchlebten sie all das in der vergleichsweise kleinen, geschützten Welt des Benedikt-Stattler-Gymnasiums Bad Kötzting - und doch war es bei ihnen etwas anders als bei zahlreichen Jahrgängen vorher.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, eines konnten weder Sie, noch Ihre Eltern, noch Ihre Lehrer im Herbst 2002 wissen: Dass der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ein gutes Jahr später vor den Landtag treten und in seiner Regierungserklärung am 6. November 2003 unter anderem Folgendes ausführen würde: Unsere Jugendlichen sollen die bestmögliche Ausgangsposition für ihren Start in das Leben haben. (...) Deshalb werden wir das Gymnasium auf acht Jahre verkürzen.“ Das war ein schulpolitisches Erdbeben. Ganz besonders betroffen waren jene Schülerinnen und Schüler, die erst seit einigen Monaten gymnasiale Luft schnupperten und von ihren Eltern noch in der Überzeugung an ein Gymnasium geschickt worden waren, dass sie dort nach neun Jahren ihr Abitur ablegen würden. Über Nacht waren sie Mitglieder einer neuen schulpolitischen Veranstaltung geworden, die unter dem Namen G8 jahrelang kontrovers diskutiert werden sollte. Doch betroffen waren auch Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, unsere damaligen Schülerinnen und Schüler der Klassen 6a, 6b und 6c. Mit einem Male konfrontierte man Sie mit der Tatsache, dass Sie einer aussterbenden Art der gymnasialen Bildung angehören - mit weitreichenden Konsequenzen.

Auch ich gehörte vor vielen Jahren einer aussterbenden Art der gymnasialen Bildung an. Vor 39 Jahren legte ich am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham mein Abitur ab. Ein Jahr vorher hatte ich das damals so genannte „Vorabitur“ in Mathematik geschrieben, im Mai 1972 stellte ich mich der Reifeprüfung in Deutsch, Griechisch und Latein. Dass ich in diesen Fächern die Abiturprüfung ablegen würde, war seit Jahren klar, war ich doch neun Jahre vorher in ein humanistisches Gymnasium eingetreten. Unsere „Neusprachler“ unterzogen sich in Deutsch und Latein denselben Prüfungen wie wir, schrieben aber statt dem Griechisch- ein Französisch-Abitur. Wer in der Nachbarschule den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig besuchte, hatte in der 12. Jahrgangsstufe sein Vorabitur in Latein oder in Englisch abgelegt und wurde in der 13. Klasse in den Fächern Mathematik und Physik geprüft. Wir hatten, das sei noch einmal angemerkt, bei unseren Abiturprüfungsfächern keine Wahl. Mit dem Eintritt in eine gymnasiale Ausbildungsrichtung in der 5. Klasse stand fest, welche vier schriftlichen Abiturprüfungen man in den letzten beiden Gymnasialjahren ablegen musste. Der Vollständigkeit halber sei aber noch hinzugefügt, dass man damals auch noch pflichtgemäß praktische Abiturprüfungen in Kunsterziehung und in verschiedenen Disziplinen im Sport abzulegen hatte. Es war eine Reifeprüfung, bei der deutlich das Bemühen zu erkennen war, uns noch einmal vor Augen zu führen, dass man am Gymnasium um eine ganzheitliche Bildung bemüht war.

Während ich mich also im Jahre 1972 am RSG als Mitglied der Klasse 13b im Klassenverband auf eine Abiturprüfung vorbereitete, wie es seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland üblich war, tat sich in der von mir besuchten Schule bei dem uns nachfolgenden Jahrgang Neuartiges, das uns, die wir noch dem alten System angehörten, zum Teil recht merkwürdig vorkam. Die Schüler der 12. Jahrgangsstufe wechselten von Stunde zu Stunde den Raum und wurden in Kursen unterrichtet, die von Fach zu Fach ganz unterschiedlich zusammengesetzt waren. Was war geschehen? Die Kultusminister hatten beschlossen, die Oberstufe zu reformieren, um die Gymnasiasten besser auf ein selbständiges Studium vorzubereiten. Eine Folge war, dass man in Bayern 37 Versuchsschulen auswählte, die das neue System der gymnasialen Oberstufe, die sogenannte Kollegstufe, erproben sollten; zu ihnen gehörte auch das Chamer RSG. Diese Kollegstufe unterschied sich von der bisherigen Oberstufe durch ihre starke Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts. Begabung und Neigung des einzelnen Schülers sollten jetzt viel stärker berücksichtigt werden können, als das bisher möglich war. Durch die Wahlmöglichkeiten sollte die Selbstverantwortung des Schülers gestärkt werden. Vor allem durch die Intensität des Unterrichts in Leistungskursen wollte man eine bessere Vorbereitung der Abiturienten auf das Hochschulstudium sicherstellen. Jeder Schüler konnte sich in diesem neuen System unabhängig von der einstmals gewählten Ausbildungsrichtung je nach Neigung und Fähigkeit die Hauptfächer auswählen, in denen er die Reifeprüfung ablegen wollte, darunter auch Fächer wie Religion, Geschichte oder Kunst. Es gab also in der Oberstufe keinen Unterschied mehr zwischen den Ausbildungsrichtungen.

Die Wahlmöglichkeiten für die Gymnasiasten schienen unendlich zu sein; zu den anfangs beliebtesten Kombinationen zählte Biologie mit Sozialkunde, Englisch und Religion. Die Wahl der vier Abiturfächer - in einem musste eine mündliche Prüfung, das Colloquium, abgelegt werden - blieb jedoch eingeschränkt und wurde mit den Jahren immer mehr begrenzt. Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch, dass mit der Einführung der Kollegstufe jetzt auch z. B. Fotografie, Instrumentalmusik oder Dramatisches Gestalten in den Rang von Schulfächern erhoben wurden.
Vorzeitig wurde die Kollegstufe im Schuljahr 1974/75 auch an unserem erst sieben Jahre vorher gegründeten Gymnasium in Kötzting eingeführt, flächendeckend in ganz Bayern dann im Jahre 1979.

Was ich eben ausführlich beschrieben habe, ist Ihnen nicht fremd, liebe Abiturientinnen und Abiturienten - handelte es sich doch um nichts anderes als um die gymnasiale Oberstufe, die Sie seit September 2009 durchlaufen haben. Über 30 Jahre hatte sie in der Ihnen nun bestens bekannten Form Bestand - und Sie waren die letzten, die auf diese Weise zum Abitur geführt wurden.
Es ist hier nicht der richtige Ort, Überlegungen darüber anzustellen, ob sich die gute alte Kollegstufe wirklich überlebt hat und unbedingt abgeschafft werden musste. Festzuhalten bleibt, dass sie sich über Jahrzehnte bewährte und für Hunderttausende von Abiturienten eine hervorragende Grundlage für ein Studium darstellte. Das gilt heute wie vor 30 Jahren - und ich kann Ihnen versichern, liebe Absolventinnen und Absolventen, dass Sie auf der Basis Ihrer guten Ausbildung mit dem System der Kollegstufe beruhigt ein Studium aufnehmen bzw. eine Ausbildung beginnen können.
Kehren wir noch einmal in das Jahr 2003 zurück. Plötzlich war man mit der Tatsache konfrontiert, dass mit der Einführung des G8 ein neues System am Gymnasium entstanden war, das mit dem neunjährigen Gymnasium nicht kompatibel war. Folglich ergaben sich Fragen über Fragen. Wie sollte man künftig mit einem Schüler des G9 verfahren, der das Klassenziel nicht erreichen würde? Und was sollte dann später erst werden - beim Abitur? Ein G9-Abiturient, der die Reifeprüfung nicht schafft, würde doch niemals in das neue G8-Oberstufensystem integriert werden können. Wie sollten die Gymnasien im Schuljahr 2010/11 mit der Belastung eines doppelten Abiturjahrgangs fertig werden können? Müsste man dann vielleicht sogar das letzte Kurshalbjahr verkürzen - und wenn, auch beim Unterrichtsstoff Abstriche machen? Ganz zu schweigen von der großen Zahl an Studienanfängern, die dann im Jahr 2011 an die Hochschulen strömen würden.

Selbstverständlich stellte man sich all diese Fragen auch im Kultusministerium - und die Schulen bekamen im Laufe der Jahre zahlreiche Bekanntmachungen auf den Tisch, die alle dazu dienten, die schwierige Situation „bewältigbar“ zu machen. Sonderregelungen wurden auf den Weg gebracht, pädagogische Fördermaßnahmen wurden umgesetzt - bis zur Einführung einer „Günstigkeitsklausel“ in der 13. Jahrgangsstufe und der Bestimmung, dass es heuer im September noch einmal ein G9-Abitur gibt, damit auch noch jene ans Ziel kommen können, die es im ersten Anlauf nicht geschafft haben. Dass aufgrund der eben geschilderten Situation bei manchen Schülern der Eindruck entstand, als Gymnasiast im letzten G9-Jahrgang könne man ja gar nicht durchfallen und werde schließlich gewissermaßen über die Hürden der Abiturprüfung getragen, ließ sich leider nicht vermeiden und wirkte sich mitunter nicht gerade positiv auf den Lerneifer Einzelner aus. Dass diese Auffassung aber mit der Wirklichkeit nur wenig zu hatte, erwies sich dann im Laufe der Jahre. Auch für diesen letzten Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums galt, dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben. Und die diesjährigen Abiturprüfungen in den einzelnen Fächern, die sich vom Anspruchsniveau her hinter den Anforderungen der Aufgaben der vergangenen Jahre nicht zu verstecken brauchten, unterstrichen noch einmal, dass man nicht gewillt war, dieser Schülergeneration etwas zu schenken.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, für Sie ist der heutige Tag der Zeitpunkt, an dem Sie mit dem Empfang des Reifezeugnisses Ihre Ernte einfahren können. Und wie sehr Sie auch heute in Ihrer Abiturrede oder auch bei Bemerkungen in Ihrer Abiturzeitung damit kokettierten, mit welcher Leichtigkeit des Seins Sie durch das Schulleben gewandelt sind - wenn wir ehrlich sind, dürfen wir festhalten: Die meisten von Ihnen haben in all den Jahren am Benedikt-Stattler-Gymnasium fleißig gelernt und hart für den Preis gearbeitet, den Sie heute mit dem Abschlusszeugnis überreicht bekommen.

Für uns als Schule, sehr verehrte Anwesende, ist der Tag der Verabschiedung eines Abiturjahrgangs immer der Höhepunkt des Schuljahres. Wir freuen uns mit unseren Absolventen, wir feiern mit ihnen und ihren Eltern, wir stellen uns dabei aber auch die Frage, ob wir, das Lehrerkollegium und die Schulleitung, unsere Sache bei den jungen Menschen, die uns so lange anvertraut waren, auch gut gemacht haben.
Wenn man in der Literatur nachliest, z. B. bei dem weltweit tätigen Berater in Fragen der Schulorganisation, Prof. Rolf Dubs, beim Erziehungswissenschaftler Prof. Hans Brüggelmann, bei dem bekannten Schulberater Dr. Otto Seydel oder bei dem bedeutenden Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Prenzel, und deren Aussagen zum Thema „Schulqualität“ zusammenfasst, kann man von einer „guten Schule“ sprechen, wenn neun wichtige Kriterien erfüllt sind, die ich im Folgenden aufzählen und anhand Ihres Schülerlebens am BSG beleuchten möchte, liebe Abiturientinnen und Abiturienten:

1. Die Lehrer machen ihre Sache gut.
Die Absolventen des Abiturjahrgangs wurden in all den Jahren von einem Lehrerkollegium betreut, das sich so sehr für sie engagierte, wie man es nur selten an einem Gymnasium erlebt. Sie durften Ihre Lehrer in einem qualitativ hochwertigen Unterricht, wie er uns 2010 von externen Evaluatoren bestätigt wurde, erleben und lernten sie bei Skikursen und Exkursionen auch außerhalb des Klassenzimmers kennen. Die Stichworte Bundesgartenschau in München, Besuch im Landratsamt und im Bayerischen Landtag, Planspiel auf Schloß Schney, Exkursionen zum Regionalfernsehen, Seminar zur Berufs- und Studienwahl, Dänemark, Kogelalm, Prien und Schweiz mögen stellvertretend stehen für so vieles, was Ihnen der herausragende Einsatz unserer Lehrkräfte ermöglicht hat. Unsere Lehrer, die in diesem Schuljahr des doppelten Abiturjahrgangs von Weihnachten bis in den Juni hinein praktisch keine Verschnaufpause haben, brachten für Sie in all den Jahren nicht nur ihre fachlich-wissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern auch menschliche Qualitäten ein. Als Schulleiter bin ich stolz auf dieses Kollegium. Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, können dankbar sein und dies durch einen kräftigen Beifall zum Ausdruck bringen.

2. Den Schülern wird Leistung abverlangt.
Ja, liebe Schülerinnen und Schüler, so darf ich Sie heute noch einmal nennen, wir haben Ihnen etwas abverlangt. Doch wir waren bemüht, dem Prinzip „fordern und fördern“ gerecht zu werden - bis in die 13. Jahrgangsstufe hinein, wo viele von Ihnen noch ein außerplanmäßiges Abiturtraining angeboten bekamen. Und wir haben auch versucht die Wünsche Einzelner oder kleiner Gruppen zufriedenzustellen. Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass noch einmal eine kleine L1-Gruppe oder ein Mini-Französisch-Leistungskurs gebildet wurden?
Heute freuen wir uns darüber, dass von denen, die im Jahre 2002 hier angefangen haben, 75 % ohne Umwege ans Ziel gekommen sind. Das ist mit Abstand die höchste Erfolgsquote, die bislang bei einem Abiturjahrgang am BSG erzielt wurde. Damit Sie das auch richtig einschätzen können, nenne ich Vergleichszahlen: Von den Fünftklässlern des Jahres 1997 kamen 2006 nur zwei Drittel unfallfrei ans Ziel, von denen, die 1995 angefangen hatten, waren es im Jahre 2004 sogar nur zwei Fünftel.
Wir sind heute glücklich darüber, dass der Jahrgang, der 2002 gestartet ist, Leistung gebracht hat. Im Durchschnitt erzielten unsere 70 Abiturientinnen und Abiturienten Ergebnisse, die sich sehen lassen können – dass bei 18 Absolventen eine 1 vor dem Komma steht, verdient besonders herausgestellt zu werden.

3. Es wird auf Ordnung und Disziplin geachtet.
Dieses Kriterium versuchten wir nicht nach traditionellem Verständnis zu erfüllen. Wir trafen klare Regelungen für den Umgang miteinander und entschieden uns für Sanktionen, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten wurden. Einige verifizierten die in Fachkreisen herrschende Überzeugung, dass viele Jugendliche ungefähr bis zum 25. Lebensjahr brauchen, bis sie einen vernünftigen Umgang mit Alkohol gelernt haben und andere wollten ausprobieren, ob Anweisungen, die in Elternbriefen ausformuliert wurden, tatsächlich Gültigkeit haben. Andererseits war es für uns Pädagogen immer wieder sehr erfreulich, wenn uns in Jugendherbergen oder von Busfahrern mit großem Respekt gesagt wurde, welch wohlerzogene junge Leute die Bad Kötztinger Gymnasiasten seien.

4. Neben einer zeitgemäßen Wissensvermittlung erfüllt man auch einen Erziehungsauftrag.
In China sagt man „Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“. Von diesem Schatz versuchten wir Ihnen möglichst viel auf den Lebensweg mitzugeben - nicht nur im Unterricht, sondern auch außerhalb, wo das Erlernte für Sie erlebbar wurde - im Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen ebenso wie im Kraftwerk Höllenstein, in der Regensburger Synagoge wie im Justizministerium in München, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Vom umfassenden Konzept der Selbst- und Sozialkompetenz, das inzwischen am BSG etabliert ist, konnte Ihr Jahrgang nur wenig profitieren. Aber auch Sie bekamen schon bei zahlreichen schulischen Veranstaltungen Gelegenheit, Ihre Persönlichkeit auszubilden, sei es bei Seminaren in den Gesellschaftswissenschaften, im Schulspiel oder bei Projekten im Rahmen des Religionsunterrichts.

5. Die Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensraum.
Als Sie mit der Ausbildung an diesem Gymnasium begannen, mussten Sie mit einem heruntergekommen Gebäude vorlieb nehmen. Im Laufe der Jahre wurde durch die Sanierung ein Schmuckstück daraus, in dem Sie auch außerhalb der Unterrichtsstunden mehr und mehr Zeit verbrachten - zum Speisen in unserem schönen va bene, zum Lernen auf einer der zahlreichen Sitzgruppen im Hause – allerdings auch ganz einfach zum Plaudern und nicht zuletzt zum Schafkopfen, was ich vielleicht nicht zu kritisch beurteilen sollte, unterstreicht es doch auf eine ganz besondere Weise, wie sehr Ihnen dieses Schulhaus auch Lebensraum geworden war.

6. Die Schule ist keine pädagogische Insel.
Gymnasien waren früher einmal Bildungseinrichtungen, die ziemlich stark von der Außenwelt abgeschlossen waren. Wenn man nun aber feststellen kann, dass einige von Ihnen Praktika in hiesigen Betrieben absolvierten, dass Sie in einem Wahlkurs mit Unternehmen über Betriebsgründungen verhandelten, im Sitzungssaal des Landkreises mit dem Landrat diskutierten oder bei der Firma Zollner ein IHK-Zertifikat erwarben, wird deutlich, dass Ihre Schule keine pädagogische Insel war, zumal Sie von hier aus auch zahlreiche Kontakte ins Ausland knüpften, angefangen von Tschechien über Dänemark, Frankreich und die Schweiz bis nach Japan.

7. Die Schule erweist sich selbst als eine lernende Institution.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Sie haben während Ihrer Schulzeit nicht nur die Einführung des G8 erlebt. Sie waren dabei, als das Benedikt-Stattler-Gymnasium in ein neues Zeitalter der schulischen Bildung aufbrach und im Rahmen von MODUS 21, MODUS F, CENTER OF EXCELLENCE und anderen Projekten vieles veränderte und dafür sogar mit dem Innovationspreis für die Gymnasien belohnt wurde. Sie und Ihre Eltern profitierten seit der 7. Jahrgangsstufe von zwei ausführlichen Zwischenberichten im Jahr, Sie alle durften Ihre Schülersprecher demokratisch wählen, Sie konnten in den Fremdsprachen neue Aufgabenformen und Bewertungssysteme erproben. Eines vermissen Sie jetzt sicherlich bei meiner Aufzählung, liebe Absolventinnen und Absolventen: Sie kamen noch in den Genuss einer - im Vergleich zu früheren Jahrgängen - etwas abgespeckten Absenzenregelung. Für die meisten von Ihnen war diese Einrichtung ein Segen - für uns dagegen eher ein Fluch. Diese Regelung steht für die Verantwortlichen an diesem Gymnasium dafür, dass man den Mut haben muss, neue Ideen auszuprobieren und sich auch wieder davon zu verabschieden, wenn sie sich nicht bewähren. Einst waren wir einmal der Auffassung, dass Kollegiaten mit Freizügigkeit in diesem Bereich verantwortungsvoll umgehen können. Einige schafften das auch, andere, oftmals jene, die sich das am wenigsten leisten konnten, zeigten sich hier eher charakterschwach. Deshalb wird diese Absenzenregelung mit diesem Abiturjahrgang von der Schule endgültig verabschiedet.

8. Die Schule hat ein eigenes Profil entwickelt.
Unsere diesjährigen Abiturienten haben ihre gymnasiale Schulzeit an einem Gymnasium verbracht, das im Laufe der Jahre ein klares Profil entwickelt hat. Unserem Motto „Freude an der Verantwortung“ wurden viele von ihnen z. B. als Lerntutoren für Unterstufenschüler gerecht. Wie sehr das BSG auf Sozialkompetenz setzt, erfuhren die Mitglieder der Theatergruppe, die Klassensprecher und alle, die in der 10. Jahrgangsstufe als Tutoren tätig waren, in besonderer Weise. Dass die berufliche Orientierung eine ganz große Rolle am BSG spielt, zog sich seit der 9. Jahrgangsstufe wie ein roter Faden durch das schulische Leben.

9. Die Eltern spielen in dieser Schule eine wichtige Rolle.
„It takes a village to raise a child“, sagt man in Afrika. Frei übersetzt heißt das „Erziehung braucht viele Menschen“. Das sind Freunde, Großeltern, Tanten, Lehrer, Trainer, vor allem aber die Eltern. Und für die Qualität einer Schule ist es ganz entscheidend, ob die Eltern etwa nur für den Elternsprechtag Kuchen backen oder aber an entscheidenden Stellen im schulischen Leben mitwirken. Unter Ihnen, liebe Mütter und Väter, sind viele, die die Entwicklung dieses Gymnasiums ganz entscheidend mitgestaltet haben - als Elternbeiräte, als Klassenelternsprecher, als Mitglieder der Fördervereinigung, als Begleitung bei Schulveranstaltungen, als Helfer beim Weihnachtsbasar oder als Ratgeber, Gesprächspartner und Sponsoren. Das BSG darf sich also auch in dieser Hinsicht als eine gute Schule bezeichnen.

Eine naheliegende Frage an dieser Stelle könnte nun lauten: „Welche Chancen habe ich denn dann als Absolvent dieser guten Schule im Landkreis Cham im Jahre 2011 mit dem doppelten Abiturjahrgang?“ Und von verschiedenen Seiten hören wir jetzt vielleicht Stimmen, die raunen: „70 000 bayerische Studenten in diesem Jahr“, „Platznot an den Hochschulen“, „Universitäten schlecht vorbereitet“.
Im Gegensatz zu derartigen Unkenrufen möchte ich diese Frage  mit dem Motto beantworten, das Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, auf dem Logo des Landkreises Cham lesen können: „Beste Aussichten!“ Und ich kann meinen Optimismus auch fundiert begründen:

  1. Universitäten und Fachhochschulen sind besser auf den großen Ansturm vorbereitet, als man das bisher vermutete. Bereits für das Sommersemester, das am 2. Mai begann, wurden zahlreiche zusätzliche Studiermöglichkeiten geschaffen.
  2. Sie haben Ihr Abitur in Bayern abgelegt, in dem Bundesland, dessen schulische Ausbildung im In- und Ausland nach wie vor ganz besonders geschätzt wird.
  3. Sie haben die Allgemeine Hochschulreife am Gymnasium erworben. Wo auch immer Sie jetzt studieren werden, welche Ausbildung auch immer sie jetzt anstreben: Sie werden feststellen, dass Sie aufgrund Ihrer hervorragenden Kenntnisse, die Sie sich am BSG aneignen konnten, große Vorteile im Vergleich zu all jenen haben, die einen anderen Weg gegangen sind.
  4. Wenn Sie studieren, sind Ihre Berufsaussichten so gut wie schon lange nicht mehr in unserem Lande:
    - So betonte der bedeutende deutsche Bildungsforscher Prof. Jürgen Baumert erst vor einigen Tagen in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „In unserem Land werden keine unqualifizierten Arbeitskräfte gesucht, sondern vorzüglich ausgebildete Fachleute.“
    - Und wenn Sie einmal nach dem Studium in Ihre schöne Heimat zurückkehren wollen, verheißt Ihnen eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervorragende Perspektiven: Während im Landkreis Cham die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ohne Berufsabschluss seit dem Jahr 2000 um 22 % zurückging und die der Beschäftigten mit Berufsabschluss um 11 % stieg, war bei der Gruppe der Beschäftigten mit Hochschulabschluss ein Zuwachs von 50 % zu verzeichnen. Also gilt für Sie mehr als jemals zuvor: Beste Aussichten im Landkreis Cham!

Zu einer derart guten Zukunftsperspektive darf ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten ganz herzlich gratulieren. Beglückwünschen möchte ich Sie an dieser Stelle aber ganz besonders zum bestandenen Abitur!

Es ist üblich, dass der Schulleiter am Ende seiner Rede den Absolventen noch persönliche Wünsche mit auf den weiteren Lebensweg gibt. Da könnte ich nun ganz schlicht und einfach sagen: Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viel Glück für Ihren weiteren Lebensweg.
Doch wie unzureichend wäre so eine Aussage angesichts der Tatsche, dass ich 70 junge Frauen und Männer vor mir sitzen habe, die uns im Laufe der Jahre immer wieder in unterschiedlichster Weise und in ganz verschiedenen Situationen deutlich gezeigt haben, dass sie Individuen, echte Persönlichkeiten sind. Und wenn ich mir dann den einen oder die andere von Ihnen genauer vorstelle, muss ich mir ernsthaft die Frage stellen: Was bedeutet denn Erfolg überhaupt für ihn oder für sie? Bedeutet es eine große berufliche Karriere oder politische Macht oder Einfluss in der Wirtschaft oder eher ein zufriedenes und ruhiges Leben mit einer Familie? Und was heißt Glück für Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen? Verbindet sich damit vielleicht der Wunsch, einmal reich zu werden und viel Geld zu besitzen? Dieser Auffassung würde sich z. B. der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer entgegenstellen und darauf hinweisen, dass ein Mitteleuropäer mit seinen 10 000 Dingen, die er sein eigen nennen kann, im Schnitt unglücklicher ist als ein Brasilianer, der nur 200 Sachen besitzt. Und schon Laotse hatte einstmals betont, dass der Berufene keinen Besitz anhäuft. Vielleicht streben Sie alle wirklich nicht nach Geld und Reichtum, liebe Abiturientinnen und Abiturienten. Wohl gilt sicherlich aber auch für Sie, was Seneca schon vor 2000 Jahren gesagt hat: „Omnes beatam vitam optent“ - Alle wünschen sich ein glückliches Leben.
Und da ich nicht weiß, ob das für Sie mehr das Streben nach Zufriedenheit ist oder nach Liebe oder Seelenruhe, wünsche ich Ihnen an Ihrem Abiturtag etwas, wovon die Ethik- und Lateinschüler unter Ihnen sicherlich bereits im Unterricht gehört haben: EUDAIMONIA. Dieser Begriff bezeichnet eine bewusste und kluge Lebensgestaltung, die weit über rasch vergängliche Glücksgefühle wie beruflichen Erfolg oder Reichtum hinausgeht. Sehr treffend hat die Bedeutung dieses aus dem Altgriechischen stammenden Wortes kürzlich einmal Steven Hayes, Professor für Psychologie an der Universität von Nevada, erklärt: Es geht darum, im Einklang mit den persönlichen Werten zu leben, mit den Dingen, die man für bedeutsam hält – in der Familie, in Beziehungen, im Beruf. Dass Ihnen das einmal gelingen möge, wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, von Herzen!

Günther Roith