Flucht und Vertreibung: Schüler des BSG befragen Zeitzeugen
Von einem "dünnen Faden in die Vergangenheit"
Bad
Kötzting (kkk). Im Rahmen von MODUS21 wurde am Benedikt-Stattler-Gymnasium ein
Projekttag zum Thema "Flucht und Vertreibung" organisiert, an dem den Schülern
der 10.Klassen Gelegenheit gegeben wurde, durch Referate, Zeitzeugenbefragung
und Film einen Eindruck von dem Elend und der Not am Ende des Zweiten Weltkriegs
zu gewinnen.

In den ersten beiden Unterrichtsstunden vermittelten die Schüler in selbstständig
vorbereiteten Vorträgen ihren Mitschülern die wichtigsten Hintergrundinformationen.
Zur Sprache kamen dabei die Vertreibungen von Deutschen aus Schlesien, Pommern,
Rumänien und - aus lokalhistorischen Gründen - vor allem aus dem Sudetenland
in den Jahren 1944/1945. Im Anschluss an die Präsentationen entwickelten sich
anregende Diskussionen, in denen die Frage nach Recht und Unrecht der Vertreibungen
intensiv erörtert wurde.

Ausgestattet mit detailliertem Fachwissen, z.B. über das Potsdamer Abkommen
und die Benes-Dekrete, stand in der dritten und vierten Unterrichtsstunde die
Begegnung mit Herrn Quitterer im Zentrum, der selbst aus dem Sudetenland vertrieben
worden war. Der ehemalige Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Erdkunde
erzählte anschaulich und mitreißend von seinen Erlebnissen während und nach
dem Zweiten Weltkrieg: von Soldaten, die mit Maschinenpistolen bewaffnet in
der Nacht vor Haustüren standen, von Familien, die gezwungen wurden, innerhalb
kürzester Zeit ohne Hab und Gut ihren Hof und ihre Heimat zu verlassen, aber
auch von feindlichen Ressentiments, mit denen man den Flüchtlingen im Westen
begegnete. Sichtlich bewegt und neugierig von den Schilderungen scheuten sich
die Schüler dann auch nicht, Nachfragen zu stellen. So wurde der sehr rüstige,
langjährige Pädagoge gefragt, was er denn als seine Heimat ansehe: das Sudetenland,
aus dem er vertrieben worden war oder Deutschland, wo er sich nach dem Krieg
seine Existenz aufbaute. "Deutschland, der Landkreis Cham!", war die eindeutige
Antwort, auch wenn immer noch ein "dünner Faden nach drüben" vorhanden sei,
wie Herr Quitterer leicht wehmütig einräumte.

Wie fruchtbar und gewinnbringend die Begegnung der 16-jährigen Schüler und Schülerinnen
mit dem über 80-jährigen Vertriebenen für beide Seiten war, zeigt die Tatsache,
dass sich Herr Quitterer länger als ursprünglich vorgesehen zur Verfügung stellte,
um den spürbaren Wissensdurst der Zehntklässler zu stillen. Erst gegen 12.00
Uhr wurde er von Schülern verabschiedet, die sich mit einem lang anhaltenden
Applaus sehr herzlich für das Kommen bedankten. Als kleines Dankeschön überreichte
Herr OStD Roith, der selbst auch schon von Herrn Quitterer unterrichtet worden
war, ein Buchgeschenk.

Den Abschluss dieses auch fächerübergreifend angelegten Projekttages bildete
eine Verfilmung von Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür",
das die Thematik literarisch verarbeitet.

Schüler und Lehrer zeigten sich mit dem ersten von insgesamt sechs Projekttagen
in den Fächern Geschichte und Sozialkunde rundum zufrieden, so dass man zurecht
auf eine erfolgreiche Fortsetzung der Reihe der Projekttage hoffen darf.