Geschichtsfahrt des Benedikt-Stattler-Gymnasiums
170 geschichtsinteressierte Schüler und Eltern erkunden das historische Erbe
Regensburgs
Bad
Kötzting. Am Samstagmorgen sah man aus allen Ecken des Jahnplatzes warm verpackte
Eltern mit ihren Kindern in Richtung der drei auf sie wartenden Busse stapfen.
Eine Atmosphäre von reger Betriebsamkeit, die sonst nur an Schultagen vor der
Jahnhalle zu finden ist, erfüllte den eisigen Parkplatz.

Die Fachschaft Geschichte des Benedikt-Stattler-Gymnasiums Bad Kötzting hatte
das erste Mal zu einem Geschichtstag eingeladen, in dessen Rahmen alle Eltern,
Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen gemeinsam einen Ausflug in die
fast 2000 Jahre alte Stadt Regensburg unternahmen.

Ziel war es, mit den Familien die Bezirkshauptstadt zu besuchen und dabei die
Geschichte an Originalschauplätzen lebendig werden zu lassen. Die Tatsache,
dass sich etwa 170 Personen für den Ausflug nach Regensburg begeistern konnten,
zeigt das große Interesse an der Geschichte - vor allem in unserer unmittelbaren
Umgebung.

Als die Busse am Busterminal Stadtamhof angekommen waren, hieß es sich möglichst
schnell in eine der sechs zuvor eingeteilten Gruppen einzufinden. So standen
an diesem Tag Führungen zu den Themen "Das römische Regensburg", "Das mittelalterliche
Regensburg" und "Regensburg im Nationalsozialismus" auf dem Programm, die zum
Teil Lehrer der Schule, aber auch externe Partner durchführten. Nachdem sich
die Stadtführer den Geschichtsinteressierten vorgestellt hatten, entführten
sie ihre Gruppen in das vorweihnachtlich geschmückte Regensburg, dem man sich
über eines der Wahrzeichen der 2006 zum UNESCO-Kulturerbe erhobenen Altstadt
näherte, die Steinerne Brücke. Hier erfuhren die Teilnehmer nicht nur, dass
es sich um eine der drei ältesten Brücken aus Stein in Europa handelt, vielmehr
wurde ihnen auch die Brückensage erzählt, laut der der Baumeister den Teufel
nach Fertigstellung durch einen Trick überlistet hatte. In den Führungen wurde
das Bild einer römischen bzw. mittelalterlichen Stadt nachgezeichnet. 179 n.Chr.
unter Kaiser Marc Aurel gegründet, sollte das Castel am Regen (castra regina)
den Grenzabschnitt gegen die nördlich der Donau lebenden Barbaren sichern. Zeugen
der römischen Macht nördlich der Alpen sind die Überreste eines römischen Casteltores,
die Porta Prätoria. So erstanden vor den Augen der Zuschauer römische Legionäre,
aber auch einfache Handwerker, die in den geschützten Mauern des Castels Zuflucht
gefunden hatten, zum Leben.

Weiter durchschritt man enge mittelalterliche Gassen, versuchte sich den Geruch
des geschäftigen Treibens auf dem Fischmarkt vorzustellen, wurde über Bestrafungsmethoden
für trunksüchtige oder zänkenden Regensburger informiert, lernte, dass Geschlechtertürme
als Ausdruck kaufmännischen Stolzes errichtet wurden, und schnupperte Reichstagsluft,
als Regensburg noch das Zentrum des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation
war und sich Kaiser und Fürsten in der oberpfälzischen Metropole die Klinke
in die Hand gaben.

Der Duft der Geschichte vermischte sich mit dem von Glühwein, Plätzchen und
weihnachtlichen Gewürzen, der in den Gassen der Stadt und über den Christkindlmärkten,
die an diesem Wochenende ihre Pforten geöffnet hatten, hing. Ergriffen von der
adventlichen Stimmung strömten die Teilnehmer während der zweistündigen Mittagspause
in die erleuchtete Stadt, um sich an den Ständen mit Tee und Bratwürsten auf
die nachmittägliche Führung vorzubereiten und die Kälte aus den fröstelnden
Körpern zu vertreiben.

Pünktlich um 13.45 Uhr fanden sich alle am Westportal des Domes ein, von wo
sie sich mit ihren Führern in den verschiedenen Themengruppen in die mittlerweile
sehr gut gefüllten Straßen der Innenstadt begaben. Die Gruppen, welche sich
über die Zeit des Nationalsozialismus informierten, erfuhren, dass der langjährige
Regensburger Oberbürgermeister Dr. Otto Hipp, der Bruder des Babynahrungsherstellers,
von den Nazis zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er sich geweigert hatte, am
Rathaus eine Hakenkreuzfahne zu hissen. Weiter wurde deutlich, dass auch in
Regensburg die menschen- und kulturverachtenden Handlungen der Nationalsozialisten
wie Reichspogromnacht und Bücherverbrennung durchgeführt wurden. Jüdische Bürger
mussten am 10. November 1938 in einem Schandmarsch durch die Stadt marschieren
und wurden dabei mit Steinen beworfen und bespuckt. Die Beseitigung der Trümmer
der abgebrannten Synagoge mussten sie selbst bezahlen, durften ab 1940 nur noch
von 13.00 Uhr bis 14.00 Uhr in zwei Geschäften in Regensburg einkaufen und wurden
ab 1942 in verschiedene Konzentrationslager verbracht, wo etwa 250 von ihnen
den Tod fanden. Für den Transport in die Vernichtungslager mussten sie die "Reisekosten"
in Höhe von 684,50 Reichsmark selbst bezahlen. Am heutigen Dachauplatz (früher
Moltkeplatz) wurden noch wenige Tage vor Kriegsende drei Bürger hingerichtet
und öffentlich zur Schau gestellt, weil sie sich gegen eine Verteidigung der
Stadt bis zum Letzen aussprachen. Darüber hinaus wurden der nationalsozialistische
Wohnungs- und Kasernenbau und die Flugzeugproduktion in den Messerschmittwerken
in Prüfening und Obertraubling angesprochen. Eben auch diese Herstellungshallen
waren das Ziel für etwa 20 Bombenangriffe von amerikanischer und britischer
Seite, bei denen 1139 Menschen starben und etwa 1000 Gebäude total zerstört
wurden.

Um 15.45 Uhr fanden sich alle Gruppen wieder in Stadtamhof bei den Bussen ein,
die man gerne, reich an historischen Informationen, bestieg, um den durchgefroren
Gliedmaßen die wohlige Wärme der Busse zu gönnen.

Auf der Heimfahrt konnten Eltern wie Kinder ihr bei den Stadtführungen erworbenes
Wissen in einem Regensburg-Quiz unter Beweis stellen. Die Sieger wurden mit
Schokoladennikoläusen belohnt. Nach dem Aussteigen am Jahnplatz erwartete den
Beobachter dasselbe Bild wie am Morgen. Geschäftig suchten alle Teilnehmer ihre
Eltern bzw. Autos, um die gewonnenen Eindrücke zu Hause bei einer Tasse Tee
oder Kaffee nochmals Revue passieren zu lassen.