NEWS - Abschlussveranstaltung des handwerklichen Praktikums für Gymnasiasten

 

Abschlussveranstaltung des handwerklichen Praktikums für Gymnasiasten

8 Schülerinnen und Schüler des BSG Bad Kötzting hatten die Gelegenheit, dieses in Bayern einmalige Praktikum bei der Handwerkskammer in Cham zu absolvieren

Rede von OStD Günther Roith
Sehr geehrter Herr Landratstellvertreter Dankerl,
sehr geehrter Herr Hauptgeschäftsführer Hinterdobler,
sehr geehrter Herr Ramsauer,
sehr geehrter Herr Schedlbauer von der Abteilung Wirtschaftsförderung des Landkreises Cham,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Schülerinnen und Schüler,
verehrte Anwesende!

In längst vergangenen Zeiten – bis in das 18. Jahrhundert hinein - war der Schulalltag geprägt von der einförmigen Routine des Lesens, Schreibens und Rechnens, vom mechanischen Üben und Wiederholen und von sterilem Buchwissen. Themen aus dem praktischen Leben oder aus der Natur oder der Technik spielten im Unterricht kaum eine Rolle oder sie wurden unter Zuhilfenahme von Bildern und Modellen lediglich rein theoretisch behandelt.
Man muss sich nicht wundern, dass aufgeklärte Zeitgenossen die Schule damals heftig kritisierten; in den Schulen würden lebensfremde und langweilige Schwätzer erzogen, hieß es oftmals, die unfähig seien die praktischen Probleme des Lebens in die Hand zu nehmen und selbstständig zu lösen.
Diese harte Kritik verfehlte ihre Wirkung nicht. Und so wurden schon im 18. Jahrhundert immer wieder Versuche unternommen, die Schule näher an die Lebenswirklichkeit heranzuführen und die Praxis in die Schule hereinzuholen. In der Absicht, die Schulausbildung enger mit der Lebenspraxis zu verknüpfen, entstanden vor mehr als 250 Jahren die ersten Realschulen, die Vorläufer unserer heutigen Real- und Berufsschulen.
Im 19. und 20. Jahrhundert hielt die Praxis zunehmend Einzug in die Schulen – und in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg war es für fast alle Schularten eine Selbstverständlichkeit, dass man sich in der Schule auch mit den praktischen Dingen des Lebens zu befassen hatte. Nicht so im Gymnasium. Bis vor etwa 20 Jahren, also bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, war es an den Schulen, an denen man Goethes Faust lehrte, sich umfassendes Wissen über die Geschichte des Mittelalters aneignen und in Fächern wie Griechisch und Latein an die Grenzen der europäischen Kultur vorzudringen versuchte, undenkbar, die Türen für Betriebe zu öffnen oder aus dem gymnasialen Elfenbeinturm hinauszugehen in Handwerks- oder Industriebetriebe.
Schon um das Jahr 2000 herum wurde das etwas anders. Das Fach Wirtschaft, bis dahin skeptisch beäugt und mehr geduldet als geliebt, gewann an Bedeutung. Und auch in den Gymnasien begann man damit, Fachleute aus der Praxis in den Unterricht zu holen. Geradezu revolutionär war es, als man sich an immer mehr höheren Schulen entschloss den Gymnasiasten eine oder gar zwei Wochen einzuräumen, um in einem Betriebspraktikum beruflichen Alltag kennen zu lernen und für das spätere Berufsleben eine grundlegende Orientierung finden zu können.
Mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums entstand ein neuer Lehrplan, der den Bemühungen der Schulen um Praxisnähe endlich auch seinen offiziellen Segen gab. Lassen Sie mich aus der im Jahre 2009 veröffentlichten Fassung zitieren:
„Die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern ermöglicht es dem Gymnasium, den Schülern weitere Lern- und Lebenserfahrungen zu eröffnen, die ihre Flexibilität und Entdeckerfreude sowie ihren Unternehmergeist entwickeln helfen: Praktika in der Wirtschaft oder in sozialen und kirchlichen Einrichtungen, Betriebserkundungen (...) fördern in besonderer Weise den Bezug zwischen Gelerntem und der Lebenswirklichkeit. Konkrete Einblicke ins Arbeitsleben geben den Schülern die Möglichkeit zur frühzeitigen beruflichen Orientierung.“
Längst vor Inkrafttreten dieses Lehrplans sahen wir uns am Benedikt-Stattler-Gymnasium derartigen Ideen verpflichtet. Als „Zentrum für Schulqualität“ für den Bereich Wirtschaft hatten wir ja auch schon viel erreicht. Ein Defizit für einen Teil unserer Absolventen hatten wir aber nicht aus der Welt schaffen können. Wer an einer Technischen Universität oder an einer Fachhochschule ganz bestimmte Studiengänge anstrebte, z. B. Maschinenbau, musste erst einmal ein Praktikum absolvieren, das z. B. Fachoberschulschüler während der Schulzeit machen können und das jetzt wertvolle Zeit kostete.
Diese Problematik diskutierte ich schon vor einigen Jahren mit meinem Freund Wolfgang Alt, dem langjährigen Leiter des BTZ in Cham. Er war es, der nicht nachließ und mir immer wieder Vorschläge unterbreitete, wie man denn in den Räumen der Handwerkskammer in Cham so ein Praktikum für Gymnasiasten durchführen könnte. In einem Gespräch mit dem neuen Schulleiter des Chamer Robert-Schuman-Gymnasiums, Herrn Günther Habel,  konnte er auch diesen für das Projekt begeistern.
Dann wurde Herr Alt in den Ruhestand verabschiedet. Doch vorher noch hatte er seinen designierten Nachfolger, Herrn Ramsauer, in unsere Pläne für ein Handwerkspraktikum für Gymnasiasten eingeweiht. Die Kontakte zwischen BTZ, RSG und BSG wurden intensiver; schon bald war Einigung darüber erzielt, wie denn ein Pilotprojekt ablaufen könnte.
An dieser Stelle möchte ich vortragen, was im gymnasialen Lehrplan im Anschluss an die vorhin von mir zitierte Stelle zu lesen ist: „Außerschulische Partner können durch finanzielle Unterstützung wichtiger schulischer Anliegen einen wertvollen Beitrag zur Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrags des einzelnen Gymnasiums leisten.“
Ja – und solche außerschulischen Partner mussten jetzt ins Spiel kommen, wenn aus den schönen Plänen Wirklichkeit werden sollte. Denn sowohl das bayerische Kultusministerium als auch die mit ihm verbundene Stiftung Bildungspakt Bayern ließen uns wissen, dass sie für unser Vorhaben keine Mittel zur Verfügung stellen könnten. Wieder einmal war es die Abteilung Wirtschaftsförderung des Landkreises Cham, des Sachaufwandsträgers der beiden Schulen, die zur Stelle war, Interesse für ein Pilotprojekt bekundete, sich in die Planungen einbinden ließ und alles in ihren Kräften stehende unternahm, um für dieses Praktikum, das ja eine Menge Geld kosten würde, die notwendigen finanziellen Mittel zu beschaffen. Herr Schedlbauer, Herr Dr. Lemberger – mein Dankeschön an dieser Stelle gilt Ihnen; denn ohne Ihren herausragenden Einsatz wären wir heute nicht zu dieser Abschlussveranstaltung zusammen gekommen.
Ein ganz besonderer Dank gilt selbstverständlich Herrn Ramsauer mit seinen Mitarbeitern, seinem Vorgänger Wolfgang Alt, Ihnen, Herr Landrat Löffler, Ihnen, Herr Hauptgeschäftsführer Hinterdobler, und nicht zuletzt meinem Kollegen Günter Habel und meiner Stellvertreterin Birgit Maier. Ohne das Engagement von Ihnen allen wäre das Pilotprojekt nicht zustande gekommen.
Die teilnehmenden Gymnasiasten waren in den Wochen, in denen sie hier handwerklich tätig waren,  mit Begeisterung bei der Sache. Das Pilotprojekt war also erfolgreich. Es darf also keine einmalige Veranstaltung bleiben. Daher richte ich heute an alle hier versammelten Verantwortlichen die Bitte uns bei unseren Bemühungen zu unterstützen, unseren Schülerinnen und Schülern auch in Zukunft ein solches Praktikum ermöglichen zu können.
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass man technische Kenntnisse für bestimmte Studiengänge nachweisen muss, macht das, was wir hier gemeinsam auf den Weg gebracht haben, auch noch aus einem anderen Grund Sinn.
In den letzten Jahren haben wir mit unseren Gymnasiasten zahlreiche Betriebserkundungen durchgeführt, alle unsere Neuntklässler absolvieren ein Betriebspraktikum und viele Schüler arbeiten auch in den Ferien. All das hat uns deutlich vor Augen geführt, dass auch Gymnasiasten nicht auf einer Insel der Wissenschaft leben sollten. Jede Erfahrung mit dem praktischen Arbeitsleben schon während der Schulzeit ist unendlich viel wert. Insofern wird unser Handwerkspraktikum sogar für jene von großem Nutzen sein, die einmal keinen technischen Beruf anstreben. Andererseits kann gymnasiale Bildung auch für jemanden, der später einmal einen Handwerksberuf ausübt, von großem Nutzen sein, wie z. B. der Gold- und Silberschmiedemeister Stefan Müller aus Bad Kötzting, ein ehemaliger Abiturient unserer Schule, erklärt: „Mit dem Abitur hält man sich alle Wege offen. Es ist einfach wichtig, auch in einem Beruf, der das Abitur nicht voraussetzt. Die  gymnasiale Bildung hat mir im Umgang mit meinen Kunden ein gutes Auftreten und eine ganz andere Akzeptanz ermöglicht. Man hat einen ganz anderen Horizont und den brauche ich ganz einfach, um meinen Betrieb gut führen zu können. Ich habe zum Beispiel viele Aufträge in Kirchen, meine  Bildung ermöglicht mir einen entsprechenden einfachen Zugang etwa zu kunsthistorischen Themen. Ich würde es auf alle Fälle wieder so machen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!