BSG nimmt erstmals am Projekt "Lehrer in der Wirtschaft" teil
Studienrätin schnuppert Wirtschafts-Luft als Assistentin von Siemens-Finanzvorstand
Joe Kaeser
Bad
Kötzting. Nicht für die Schule, sondern für das Leben sollen die Schüler lernen.
Dazu braucht es Lehrer, die Lebenserfahrungen weitergeben können. Einen Beitrag
dazu leistet das Projekt "Lehrer in der Wirtschaft", das vom Bildungswerk
der Bayerischen Wirtschaft e.V. (bbw) geleitet wird. Mit Sandra Freimuth nimmt
in diesem Jahr erstmals eine Lehrerin des Benedikt-Stattler-Gymnasiums an dem
bayernweiten Projekt teil. Die 31-jährige Studienrätin, die die Fächer Deutsch
und Geschichte unterrichtet, ist für ein Jahr persönliche Mitarbeiterin von
Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser aus Arnbruck. Im Interview mit unserer Zeitung
berichtet sie über ihre Arbeit in der Münchner Siemens-Zentrale.

Frau Freimuth, Sie nehmen als eine von sechs GymnasiallehrerInnen in Bayern
an dem Programm "Lehrer in der Wirtschaft" teil. Kann man sich für dieses
Projekt eigentlich bewerben oder werden die Kandidaten ausgewählt?
Grundsätzlich kann sich jede/r GymnasiallehrerIn bewerben, sofern der Schulleiter
der Bewerbung zustimmt. Ist dies der Fall, muss letzterer ein Gutachten über
die Eignung der Lehrkraft abgeben. Dieses Gutachten und ein Bewerbungsschreiben
der Lehrkraft werden dann beim Kultusministerium eingereicht. Im Kultusministerium
werden etwa 15 bis 20 Lehrkräfte ausgewählt, die sich dann auch tatsächlich
direkt bei den beteiligten Firmen bewerben dürfen. Die letzte Entscheidung trifft
dann jeweils das Unternehmen.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten Wochen als Mitarbeiterin in der
Siemens-Zentrale gesammelt?
Die Siemens AG besteht aus beinahe 2000 Gesellschaften und über 460 000 Mitarbeitern.
Sicher können Sie sich vorstellen, welch komplexe Prozesse sich in dieser Firma
abspielen. Besonders spannend ist dabei, diese von der Zentrale aus beobachten
zu dürfen. Ganz im Gegensatz zum kurzen, persönlichen Weg im Lehrerzimmer wird
hier viel über E-Mail kommuniziert, man sucht seinen Ansprechpartner über ein
immens großes Mitarbeiterverzeichnis und holt sich Informationen aus dem Siemens-Intranet.
Eine wichtige Erfahrung hier ist auch, dass beinahe alles im Team geschieht,
man auf die Zusammenarbeit angewiesen ist und auch im ständigen Austausch steht.
Dieser Prozess zunehmender Teamwork vollzieht sich aber auch bereits in der
Schule. Zudem habe ich in den ersten Wochen viele Siemens-Mitarbeiter aus aller
Herren Länder und mit den unterschiedlichsten Aufgaben kennengelernt. Natürlich
war die intensivste Erfahrung das Eintauchen in eine der wichtigsten Finanzzentralen
der Welt. Ich bin noch immer dabei, mir Fachbegriffe einzuprägen und mir den
doch recht speziellen Sprachgebrauch anzueignen, vor allem aber die großen Zusammenhänge
zu begreifen.

Sie sind für ein Jahr persönliche Referentin von Finanzvorstand Jo Kaeser.
Welche Termine, welche Aufgaben nehmen Sie wahr?
Ganz aktuell durfte ich von Mittwoch bis zum gestrigen Freitag an einem Highlight
des Siemens-Jahres teilnehmen, an der Siemens Business Conference in Berlin.
Bei dieser jährlichen Konferenz treffen sich die 500 Führungskräfte von Siemens
World. Neben den beiden Grundsatzreden von Herrn Löscher und Herrn Kaeser finden
Workshops zu aktuellen Konzernthemen statt. Das internationale Flair und der
Glanz dieser Veranstaltung waren schon enorm beeindruckend. Ansonsten begleite
ich Herrn Kaeser zu internen Meetings, arbeite aber in erster Linie am Schreibtisch,
verfasse oder überarbeite Reden und übernehme Koordinations- und Kommunikationsaufgaben.

Ein wichtiges Ziel des Projektes "Lehrer in der Wirtschaft" ist es,
den Schülern das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln
und sie damit auf das spätere Berufsleben gut vorzubereiten. Welche Erfahrungen
werden Sie an Ihre Schüler weitergeben können?
Die Führungskräfte bei Siemens weisen durchwegs eine sehr breite Allgemeinbildung
auf, auch sehr gute Fremdsprachenkenntnisse sind zwingend notwendig; man bedenke,
dass die Verkehrssprache bei Siemens Englisch ist, was sich sehr deutlich in
der Alltagskommunikation auch hier in München niederschlägt. Insofern darf man
die Bedeutung des Englischen, zunehmend auch des Spanischen, keineswegs unterschätzen.
Wohl annähernd jede Führungskraft hier im Haus war schon beruflich im Ausland.
Unerlässlich dabei ist aber immer der fachliche Hintergrund, sei es nun im kaufmännischen
oder im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Mehr als je zuvor wird mir
hier bewusst, wie wichtig und sinnvoll der breit angelegte Fächerkanon des Gymnasiums
ist. Ich hoffe, meinen Schülern verdeutlichen zu können, dass sie am Gymnasium
auf breiter Basis Kenntnisse und Fähigkeiten für ihre spätere Laufbahn vermittelt
bekommen.

Können Sie ein Beispiel einer anwendungsbezogenen Unterrichtsgestaltung geben?
In der neuen Oberstufe des G8 ist die berufliche Orientierung ja in einem der
beiden Seminarfächer bereits fest verankert. Angesichts der Studiengebühren
sollte die Schule viel zur Entscheidungsfindung bei der Berufswahl beitragen.
Das BSG ist dabei Vorreiter, da der Wahlkurs "Berufliche Orientierung³ vor Jahren
von meiner Kollegin Birgit Maier eingerichtet worden ist. Nun haben wir durch
den konkreten Praxisbezug und mit vielen Zugangsmöglichkeiten zur Wirtschaft
ein noch wesentlich breiteres Angebot zur Berufswahl. Auch für viele andere
Fächer ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte im Bereich der beruflichen
Orientierung. Ganz konkret fällt mir dazu ein Projekt mit den Fächern Deutsch,
Wirtschaft/Recht und einer Fremdsprache ein, bei dem man aufbauend in jeder
Jahrgangsstufe ein Modul zur Businesskommunikation einübt, spontan fiele mir
ein, eine Bewerbungsmappe und das Manuskript für ein fremdsprachliches Vorstellungsgespräch
bei einem internationalen Konzern zu erarbeiten.

Das Projekt "Lehrer in der Wirtschaft" wird oft als wichtiger Brückenschlag
zwischen Schule und Wirtschaft bezeichnet. Welchen Nutzen ziehen die Unternehmen
aus der Zusammenarbeit?
Gesellschaftlich engagierten Firmen wie BMW, adidas oder Siemens, aber auch
mittelständischen Unternehmen wie zum Beispiel der Firma Zollner ist durchaus
daran gelegen, dass sich Schüler bereits vor dem Ende ihrer Schulzeit mit der
Berufswelt und dem Arbeitsalltag vertraut machen und gut darauf vorbereitet
werden. Dies erreicht man natürlich besonders dann, wenn Multiplikatoren wie
Lehrer die Welt, auf die sie ihre Schüler vorbereiten, auch wirklich kennen.
Besonders Joe Kaeser legt aber auch großen Wert darauf, Themen aus unterschiedlichen
Perspektiven heraus zu beleuchten. Insofern ist es oft sehr fruchtbar, mit einer
anderen Sichtweise an eine Problematik heranzutreten. In meinem Fall ist der
germanistische Hintergrund für das Verfassen von Reden natürlich ausgesprochen
hilfreich für das Unternehmen.

Stehen Sie in Kontakt mit Ihren Kollegen, die ebenfalls für ein Jahr Wirtschafts-Luft
schnuppern?
Das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft leistet hervorragende Arbeit. Durch
das Netzwerk, das es etabliert hat, stehen wir in regem Austausch untereinander.
Im Laufe des kommenden Jahres besuchen wir gemeinsam jeden der zehn Arbeitsplätze
der Lehrer in der Wirtschaft. Bei dieser Gelegenheit stellen wir uns gegenseitig
die jeweilige Firma, unsere Tätigkeit und besondere Projekte vor.

Vermissen Sie eigentlich schon den Schulalltag?
Ganz aufrichtig, ich vermisse die lebendige Atmosphäre am BSG sehr, besonders
den ungezwungenen und bereichernden Kontakt zu den Schülern und natürlich auch
meine Kollegen. Weniger traurig bin ich darüber, dass ich zurzeit keine Schulaufgaben
korrigieren muss.
Interview: Jürgen Hirtreiter (Kötztinger Zeitung)