NEWS - Kafka, Mucha und böhmische Knödel

 

 

Kafka, Mucha und böhmische Knödel

Studienfahrt der Q11 nach Prag

Bad Kötzting/Prag. Franz Kafka beschrieb Anfang des 20. Jahrhunderts seine Heimatstadt Prag als engen Kreis, der sein ganzes Leben bestimmte und begrenzte. 18 Schülern zeigte sich die tschechische Hauptstadt von einer ganz anderen Seite: Vor welthistorischer und -literarischer Kulisse bewies die Metropole ihre Vielseitigkeit, Offenheit und Modernität. Somit verspürten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den sieben Tagen Aufenthalt sicherlich keine Beengtheit oder gar Langeweile.
Bereits die Ankunft am Hauptbahnhof und die ersten U-Bahnfahrten ließen das doch etwas hektischere Treiben erahnen. So ging es trotz regnerischem und trübem Wetter gleich nach dem Bezug des Hotels zum ersten Stadtrundgang, bei dem die Fassaden und Gebäude des Jugendstils bewundert werden konnten.  Im ausgehenden 19. Jahrhundert entdeckte die Architektur Materialien wie Eisen, Glas und Stahl für sich, welche neue Ausdrucksmöglichkeiten in Form und Farbe zuließen. Die Jugendstilkünstler hatten das Bestreben eine „neue Kunst“ (Art Nouveau), die sich deutlich von der bisherigen Praxis der Nachahmung überlieferter Vorbilder abgrenzen sollte, zu schaffen. Bei einem Besuch des Mucha-Museums konnten die Schüler auf den Plakaten Alfons Muchas die für den Jugendstil typischen floralen Ornamente und geschwungenen Linien aus der Nähe begutachten und sich sogar selbst beim Anfertigen von eigenen Skizzen vom Jugendstil inspirieren lassen. Auch an den folgenden Tagen führte OStR Alois Öllinger wiederholt in die Prager Kunstwelt ein. Beim Besuch des Messepalastes, in dem die Sammlung der modernen Kunst ausgestellt wird, konnten die Schüler Originale von Paul Cézanne und Pablo Picasso bestaunen sowie die Kunstrichtung „Fluxus“ aus den 1960er Jahren kennen lernen. Die Kunstsammlung des Habsburger Kaisers Rudolf II. in der Gemäldegalerie in der Prager Burg eröffnete die Möglichkeit, die Bildkomposition am Original zu verdeutlichen. 
Am Kafka-Tag widmete sich die Gruppe mit Hilfe von StRin Verena Gust intensiv dem Werk und Leben  des eigenwilligen sowie außergewöhnlichen Prager Schriftstellers Franz Kafka. Vormittags wurden die zentralen Themen wie die Ohnmacht gegenüber einer nicht ergründbaren Autorität, das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Entfremdung anhand von Ausschnitten aus dessen Erzählungen, Parabeln und Romanen unter freiem Himmel erarbeitet. Danach erkundeten die Oberstufenschüler die Prager Plätze, welche das Leben des Schriftstellers geprägt hatten, um schlussendlich mit dem nötigen Hintergrundwissen das Kafka-Museum zu besuchen.
Die Geschichte der Stadt Prag wurde vom 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachvollzogen. Dazu wurden die Prager Burg auf dem Hradschin, die Karlsbrücke und das Jüdische Viertel aufgesucht. Ausführliche Schilderungen von einer Prager Fremdenführerin verdeutlichten den Schülern die Zusammenhänge. Besondere Aufmerksamkeit wurde natürlich der Zeitgeschichte gewidmet: Themenfelder wie Prag zur Zeit des Nationalsozialismus oder während des Sozialismus wurden vor den Originalschauplätzen, wie der St. Kyrill und Method Kirche, die den Heydrich-Attentätern Schutz geboten hatte, dem Wenzelsplatz, auf dem sowjetische Panzer den „Prager Frühling“ beendet hatten, oder der sog. John-Lennon-Wand, die ein Ausdruck für die Freiheitsbewegung in den 1980er Jahren ist, angesprochen. Ein besonderes Highlight stellte natürlich der Besuch der Deutschen Botschaft dar. In dem Palais wurde ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte geschrieben, als den ehemaligen DDR-Bürgern, die dort im September 1989 Zuflucht gefunden hatten, von Außenminister Hans-Dietrich Genscher mitgeteilt worden war, dass ihre Ausreise in die BRD genehmigt worden sei. Mit diesen welthistorischen Worten hatte der Eiserne Vorhang Löcher bekommen und bereits wenige Wochen später fiel die Berliner Mauer. Unter dem Balkon, von dem aus Genscher gesprochen hatte, und von einem ergreifenden Dokumentarfilm zum Thema zeigten sich die Schüler tief beeindruckt.
Den Abschluss der Studienfahrt bildete die unter der Leitung von StD Burghard Lang durchgeführte Besichtigung einer tschechischen Zweigstelle der deutschen Firma MAN. Hier stand den Schülern der Geschäftsführer Herr Modl zu den Fragen, weshalb eine deutsche Firma nach Tschechien gehe, wie die Erfolgsaussichten für deutsche Führungskräfte in Osteuropa seien und wie sich dort der Markt in Zukunft entwickeln werde, Rede und Antwort.
Die sechs erlebnisreichen Tage boten nicht nur ein offizielles Programm, sondern auch die Gelegenheit Prag auf eigene Faust zu erkunden. In Gaststätten mit klingenden Namen wie „U Dvou Kocec“, „Hotel Europa“ und „Slavia“ erlebten Lehrer und Schüler die Vorzüge des kulinarischen Prags, auf abendlichen Spaziergängen genossen sie den besonderen Flair der böhmischen Metropole in vollen Zügen. Wer nachts über den Wenzelsplatz flaniert, kann die Wort Kafkas verstehen: „Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen.“