NEWS - Trauerfeier

 

 

Gedenken an Frau Dr. Ulrike Dirscherl

Trauerrede des Schulleiters Herrn OStD Günther Roith

Ich war noch nicht lange als Lehrer am Chamer Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium tätig, da wurde der Schule eine junge Kollegin zugewiesen, die für diese höhere Schule in Cham schon sehr bald einen großen Gewinn bedeutete. Frau Ulrike Schwägerl, so hieß sie damals noch, engagierte sich an ihrer Arbeitsstelle von Anfang an mit bewundernswertem Einsatz für ihre Schülerinnen und Schüler, beim Schüleraustausch, durch Organisation von Ausstellungen, bei der Durchführung von Studienfahrten. Vor allem aber vermochte sie ihre Schülerinnen und Schüler von Anfang an für die von ihr unterrichteten Fächer Englisch und Französisch zu begeistern.

Im Dezember 1988 brach über die inzwischen verheiratete junge Lehrerin ein Ereignis herein, das einen Lebensbruch bedeutete. Nach einem schweren Verkehrsunfall, in den Herr und Frau Dirscherl ohne eigenes Verschulden verwickelt wurden, kämpfte sie über ein Dreivierteljahr um ihr Leben. An den Folgen der schlimmen Knieverletzungen aber hatte sie von da an zu tragen.

Frau Dr. Dirscherl war kein Mensch, der nach diesem schweren Schicksalsschlag in Selbstmitleid verfiel. Mit großer Energie ging sie an neue Aufgaben heran, promovierte an der Universität Regensburg über mittelalterliche englische und französische Literatur, arbeitete am Fraunhofer-Gymnasium an der Erstellung des Jahresberichtes und eines Jubiläumsbuches mit und suchte schließlich eine neue Herausforderung als Kollegstufenbetreuerin.

Zum Februar 2004 war die Stelle des Ständigen Stellvertreters am Benedikt-Stattler-Gymnasium im Amtsblatt ausgeschrieben. Frau Dr. Dirscherl sah nun die Chance, sich einen Lebenstraum erfüllen zu können: Nämlich federführend mitzuarbeiten an der Gestaltung eines modernen Gymnasiums. Sie bewarb sich um die Stelle - und das Staatsministerium entschied sich für die Lehrerin aus Wilting. "Jetzt habe ich meinen Traumjob", meinte sie damals - und diesen Satz konnte man noch oft aus ihrem Munde hören.

Frau Dr. Dirscherl fühlte sich vom ersten Tag an wohl an unserer Schule. Sie war beeindruckt von der Atmosphäre im Hause, vom Umgang, den Schüler und Lehrer miteinander und untereinander pflegten - und sie bemühte sich nach Kräften an einer weiteren Verbesserung dieser guten Schulatmosphäre mitzuarbeiten. Im Kollegium fühlte sie sich rasch bestens aufgenommen, in zahlreichen persönlichen Gesprächen konnte sie das Vertrauen der Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule gewinnen. Mit dem Schulleiter arbeitete sie vom ersten Tag an vertrauensvoll und loyal zusammen. Von den Schülerinnen und Schülern, die bei ihr Englisch oder Französisch hatten, lag ihr jeder Einzelne am Herzen. Die neue Stellvertreterin brachte sich mit guten Ideen in den Schulentwicklungsprozess ein - und zwar aus echter innerer Überzeugung, denn, so sagte sie in einem Interview mit unserer Schülerzeitung einmal, "Wir erziehen doch die Leid vo moang und ned de vo gestern!". Frau Dr. Dirscherl übernahm wichtige Aufgaben in Zusammenhang mit der Sanierung unseres Gymnasiums, brachte die Mittagsverpflegung auf den Weg und forcierte die Außenkontakte des BSG, insbesondere zur Fachoberschule in Cham, zur TU München und zur Universität Passau. Schon nach kurzer Zeit erwies sich Frau Dr. Dirscherl als eine hervorragende Besetzung für das Amt der Stellvertretenden Schulleiterin an unserem Gymnasium.

Ihrem Traubjob sollte sie allerdings nur eineinhalb Jahre lang nachgehen können. Die Spätfolgen ihres Unfalls holten sie im Sommer des vergangenen Jahres ein, immer wieder klagte sie über schlimme Schmerzen im Knie, die sich schließlich so verschärften, dass sie am 7. Oktober 2005 ihren Dienst an unserer Schule nicht mehr verrichten konnte. Für Frau Dr. Dirscherl begann ein Leidensweg, der - und das war nach ihrer Beratung mit den Ärzten notwendig und auch ihr eigener Wille - in die Frühpensionierung führen sollte.

Was am Pfingstmontag passierte, traf unsere Schulfamilie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mit allem hatten wir gerechnet: Wir hatten befürchtet, dass sich die Schmerzsituation noch verschlechtern könnte, dass eine Operation am Knie unausweichlich werden würde - gehofft hatten wir aber eher, dass irgendwann eine Verbesserung eintreten und das Leben für Frau Dr. Dirscherl wieder lebenswerter werden würde. Dass sie aber so plötzlich durch einen Herzinfarkt aus dem Leben scheiden könnte, an so etwas hatte niemand gedacht.

Auch heute, zwei Wochen danach, herrscht an unserem Gymnasium große Trauer. Herr Wallner und ich haben eine wertvolle Mitarbeiterin in der Schulleitung verloren, mit der wir vertrauensvoll zusammenarbeiten konnten und mit der wir gerne noch viele Jahre zum Wohle unserer Schule zusammengearbeitet hätten. Unsere Lehrer trauern um eine Ansprechpartnerin, die immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte hatte. Unsere Schülerinnen und Schüler werden mit Frau Dr. Dirscherl eine stellvertretende Schulleiterin und Lehrerin vermissen, die sie aufgrund ihrer Fachkompetenz respektierten, deren Verständnis für persönliche Anliegen ihnen gut tat und deren neue Wege in der Pädagogik sie beeindruckten. Wir alle, die gesamte Schulfamilie des Benedikt-Stattler-Gymnasiums, danken heute dafür, dass wir Frau Dr. Dirscherl kennen lernen durften, dass sie uns mit ihrer liebenswürdigen Art, mit ihrem Verständnis und mit ihrer Kreativität im Schulalltag begleitet hat.

Trauernde Anwesende! Lassen Sie mich bei allem Leid, den dieser Tod über den Ehemann, die Familie Schwägerl und über unsere Schulgemeinschaft gebracht hat, noch einen anderen Gedanken ausführen. "Der Tod ist die Erlösung von allen Schmerzen (…) über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus." Dieser tröstende Gedanke Senecas scheint heute angesichts des Leidens, dem Frau Dr. Dirscherl in den letzten Monaten ausgeliefert war, durchaus angebracht. Unsere Kollegin, eure Lehrerin, liebe Schülerinnen und Schüler, hat ihre Krankheit zwar geduldig ertragen, was sie aber tatsächlich in den vergangenen Monaten mitgemacht hat, können wir nur erahnen. In persönlichen Gesprächen schilderte sie mir immer wieder ihre Krankheitssituation: tobende Knöchel, ganze Tage ohne eine schmerzfreie Minute, die Hoffnung, all das Leid müsse doch irgendwann einmal wieder aufhören. Vor einigen Wochen hatte sich die Situation so verschlimmert, dass sich Frau Dr. Dirscherl damit abgefunden hatte, dass wohl ihr berufliches Ende gekommen sei.

Angesichts der Schmerzen, die Frau Dr. Dirscherl über so viele Monate ertragen musste, erstaunt es um so mehr, wie sie sich auch in der Zeit, in der sie nicht mehr im Dienst sein konnte, um unser Gymnasium kümmerte. Mit großen Anstrengungen nahm sie sich weiterhin ihres kleinen Französisch-Grundkurses an. Über Wochen war sie in Fragen der Sanierung noch Ansprechpartner für unseren Bauleiter Richter. Sie hielt trotz ihrer Krankheit Verbindung zur TU München und zur Fachoberschule in Cham und setzte alles daran, dass das BSG die Chance auf einen Schüleraustausch mit Neuseeland nicht verpasst. Neben ihren Schmerzen machte ihr trotz des eben erwähnten Engagements die Tatsache zu schaffen, dass sie nicht mehr in der Schule für die Gemeinschaft da sein konnte. Immer wieder meinte sie, sie hätte gerne noch so viel an dieser Schule bewegen wollen. Sie litt darunter, dass sie ihren Traumjob gefunden hatte und eben in diesem Traumjob ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnte. Welches Pflichtbewusstsein, welches Bemühen um vollen Einsatz für die übernommene Aufgabe aus diesen Worten spricht, muss hier wohl nicht näher erläutert werden. Sechs Tage vor ihrem Tod unterstrich Frau Dr. Dirscherl mir gegenüber diese Haltung. Sie meinte, sie habe mich und andere Kollegen durch ihren Ausfall in Stresssituationen gebracht. Und so bot sie wieder einmal - obwohl im Krankenstand - ihre Hilfe an. Sie wolle auch von zu Hause aus unbedingt noch etwas für die Schule tun, erklärte sie, z.B. den Jahresbericht Korrektur lesen oder auch andere Aufgaben übernehmen - angesichts ihrer von so großen Schmerzen gekennzeichneten Krankheitssituation eine Berufsauffassung, der man nicht genug Hochachtung entgegenbringen kann.

Unsere stellvertretende Schulleiterin war eine begnadete Pädagogin und liebte ihren Beruf. Wie ein Vermächtnis klingt ein Satz, den sie mir gegenüber eine Woche vor ihrem so plötzlichen Tod zum Ausdruck brachte: "Schließlich habe ich meine Schule - und das bleibt sie, auch wenn ich da nur so kurz war - geliebt, und verbinde mit vielen Menschen dort sehr positive Erinnerungen." Frau Dr. Dirscherl war aber auch eine begabte Künstlerin. Das Malen war eines ihrer großen Hobbys und Werke von ihr schmücken zahlreiche Wohnzimmer in unserem Landkreis. Eine begabte Hobby-Gärtnerin war sie ebenfalls. Vor allem aber liebte sie die Literatur, nicht nur die englische und französische, sondern auch die deutsche - und da besonders Johann Wolfgang von Goethe. Dessen Weimar war ihr zu einer Art zweiten Heimat geworden - und ihre letzte Reise hatte sie noch einmal dorthin geführt. Besonders gerne besuchte sie dort immer wieder das Gartenhaus am Stern, in dem Goethe zahlreiche seiner Werke verfasst hatte, unter anderem Wandrers Nachtlied:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Die Schulfamilie des Benedikt-Stattler-Gymnasium hat durch den Tod von Frau Dr. Dirscherl einen überaus großen Verlust erlitten. Wir sind dankbar für alles, was sie für unsere Schule und für uns persönlich getan hat. Wir verneigen uns vor ihrem Lebenswerk und werden der Verstorbenen stets ein ehrendes Andenken bewahren.


Günther Roith