Es lebe der Unterschied!
Ein Abend so bunt wie die Kulturvielfalt in Deutschland

BAD
KÖTZTING (kds). „Ich habe so oft in Zeitschriften oder Zeitungen über den Viktor-Klemperer-Preis
gelesen. Irgendwann dachte ich: Das kann kein Zufall sein“, sagte Verena Stauber,
Klasse 11c des Benedikt-Stattler-Gymnasiums. Dann motivierte sie vier Mitschüler
und die Vorbereitungen für den eigenen Wettbewerbsbeitrag begannen. Das Ergebnis:
Ein bunter, abwechslungsreicher und äußerst informativer Abend in der Aula der
Schule mit Musik, Vorträgen und einer Podiumsdiskussion mit Vertretern von CSU,
SPD und den Grünen.

„Mit euerem Abend gegen Intoleranz und Rassismus habt ihr im 40-jährigen Jubiläum
der Schule das Jahresprogramm nicht nur erweitert“, zollte Direktor Günther
Roith den fünf engagierten Schülern, Stella Bergheim, Marina Schindlatz, Magdalena
Schmidberger, Verena Stauber und Michael Vogl, großen Respekt. „Ihr macht mit
euerem Einsatz deutlich, dass ihr die Lehren aus der Geschichte gezogen habt.“
Leider zeigten Schüler und Bevölkerung nicht die gewünschte Resonanz, nur knapp
100 Besucher füllten die Aula. Günther Roith fand deutliche Worte dafür: „Dieses
großartige Programm hätte wesentlich mehr Publikum verdient gehabt. Vielleicht
ist unsere Gesellschaft für eine derartige Veranstaltung noch nicht reif.“

„Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass sich der Rechtsextremismus im
Landkreis Cham nicht weiter verbreiten kann“, sagte Magdalena Schmidberger über
die Intention des Projekts „Es lebe der Unterschied!“. Als erster Gast trat
Bernhard Setzwein auf, der mehrmals ausgezeichnete Schriftsteller aus Waldmünchen.
Er las zwei Ausschnitte aus seinem Roman „Das Buch der sieben Gerechten vor“,
die auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1933 beruhen. Ein fanatischer
Student stürzte im März 33 auf die Straßen von München hinaus und verhaftete
den Erstbesten, der ein Jude war. Er nahm ihn als Gefangenen mit nachhause,
ließ ihn aber kurze Zeit später wieder frei. „Soweit der historische Hintergrund“,
erklärte Bernhard Setzwein. „Entscheidend ist aber: Was passierte dazwischen?“
Auf spannende und mitreißende Art und Weise schilderte Setzwein die Situation
zwischen Student Schlegel und Jude Lehmann. Als plötzlich ein Freund von Schlegel
auftrat, beginnt das Rollenspiel: Schlegel gibt Lehmann als seinen Onkel aus,
nicht als Jude.

Informationen und Hintergrundwissen zum Thema Rechtsextremismus lieferte Referent
Thomas Witzgall. In seinem Vortrag zu „Reinheitsgebot, Rassismus und Ethnopluralismus“
stellte der Politikwissenschaftler kurz den Begriff des Rechtsextremismus vor
– übersteigerter Nationalsozialismus, Führerprinzip, Rassismus, Antisemitismus
sind nur einige der Schlagworte. „Kernelement jeder rechtsextremen Ideologie
ist das „Reinheitsgebot““, erklärte Witzgall. Es ist Voraussetzung für den Sozialdarwinismus,
Autoritarismus gilt als natürliche Ordnung. „Nach dem zweiten Weltkrieg suchten
die rechten Ideologen nach neuem Raum für ihre Denkweise“, blickte Thomas Witzgall
auf die jüngste Geschichte zurück. Es entwickelte sich ein neues Konzept, der
„Ethnopluralismus“. Das Wort „Rasse“ wird durch „Kultur“ ersetzt, imperialistische
Eroberungsphantasien werden aufgegeben. Dennoch bleibt als Ziel eine „ethnisch
homogene Volksgemeinschaft“, was letztlich zu einem System der weltweiten Apartheid
führen würde. Ganz nach dem Motto „Wir lieben das Fremde in der Fremde“ – die
Headline des Vortrages.

Nach einem selbst gedrehten Film über die Meinung der Chamer Bürger zu den Themen
NPD, Zivilcourage und Ausländertoleranz veranschaulichten Michael Vogl, Magdalena
Schmidberger und Marina Schindlatz die Problematik der Schulhof-CDs in einem
eigenen, kurzem Theaterstück.

Nach der Pause stand der Kurzfilm „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquart auf dem
Programm. Eindrucksvoll zeigte er, wie eine ältere Dame ein jungen Schwarzen
diskriminiert, beschimpft und beleidigt. Der Schwarze schweigt zu allem, am
Ende jedoch wehrt er sich: Als der Schaffner kommt, isst er den Fahrschein der
alten Dame auf – was ihr jedoch anschließend niemand glaubt. Dr. Helmut Weck,
ehemaliger Lehrer des Gymnasiums, gab kurze Erläuterungen zum Film: „Vorurteile
als Orientierungshilfen sind bequemer als fundierte Informationen“, analysierte
er. „Die Oma schließt rein vom Äußeren auf Charaktereigenschaften des Schwarzen.“
Die Verallgemeinerungen werden vor allem in der Sprache der Frau deutlich. Wörter
wie „die“ und „denen“ prägen ihren Wortschatz. Abschließend stellte Dr. Helmut
Weck die treffendste Frage: „Müssen wir wirklich unsere Fahrscheine vertilgungssicher
aufbewahren?“

Anschließend gab Polizeihauptkomissar Bernhard Hager einen Überblick über die
rechtsextreme Situation im Landkreis Cham. „Seit Anfang der Neunziger war festzustellen:
Es beginnt zu brodeln im Landkreis“, konstatierte der Polizeihauptkomissar.
Die Polizei verzeichnete starkes Auftreten von Skinhead-Gruppen, die Straftaten
gegen Ausländer begingen. „Die zum Teil verabredeten Schlägereien konnten nur
durch starke Polizeipräsenz verhindert werden“, blickte Bernhard Hager zurück.
Seit dem Jahr 2000 baute sich eine so genannte Kameradschaft Cham/ Roding auf
und eine weitere Gruppe namens „Weiße Wölfe“ etablierte sich in Roding. „Die
NPD versucht durch die Annäherung an Skinheads neue Kräfte zu mobilisieren“,
erläuterte Hager. Der geplante Ankauf eines Gebäudes der NPD in Cham konnte
bekanntlich verhindert werden. Auch die Problematik der Schulhof-CDs ist der
Polizei nicht unbekannt. Insgesamt ist aber eine rückläufige Tendenz bei den
rechtsextremen Straftaten zu verzeichnen.

Zum
Abschluss führten Verena Stauber und Stella Bergheim, die bislang das Programm
moderiert hatten, eine Podiumsdiskussion mit namhaften Politikern verschiedener
Parteien. Im Umgang mit Rechtsextremismus war für Gerhard Weiherer (Kreisverband
der Grünen in Cham) die Literatur wichtig, um junge Menschen zu sensibilisieren.
„An der Sprache erkennt man, wie jemand denkt. Jeder, auch demokratisch gewählte
Politiker, müssen aufpassen, keine menschenverachtende Sprache zu benutzen“,
sagt Gerhard Weiherer. MdB Marianne Schieder (SPD) fügte hinzu: „Die NPD gibt
sich einen ganz sozialen Anstrich, siehe Kinderbasar in Roding. Da besteht eine
begründete Angst, dass junge Menschen zu spät erkennen, in welches Fahrwasser
sie geraten.“ Jürgen Linhart (Junge Union Bayern) will den Kampf gegen Rechts
auf zwei Säulen stellen: „Bildung auf allen Ebenen und Sinnstiftung für die
Zukunft.“ Stefan Christoph, Jugendbotschafter der Landkreises Cham, verwies
auf die wichtige Wertsetzung im Kindesalter: „Hier wird der Grundstein für Toleranz
und Demokratie gelegt.“
Er
fände es richtig, mehr Sozialkunde in der Schule anzubieten – „aber nicht zum
auswendig Lernen, sondern zur Vermittlung“, schränkte Stefan Christoph ein.

Zwischen den informativen Vorträgen folgten zur Abwechslung Musikeinlagen. Marina
Schindlatz begeisterte mit ihrem Gesang von „Siehst du das genau so?“ von Sportsfreunde
Stiller, begleitet von Susanne Augustin (Klavier), Stefan Späth (E-Gitarre),
Stefan Althammer (akustische Gitarre) und Timo Just (Bass). Auch Christina Mühlbauer
auf ihrem Saxophon, begleitet von Michael Vogl (Klavier) oder der vierstimmige
Begrüßungskanon bekamen viel Applaus.

Für die sehr gut organisierte, gut durchdachte und einzigartige Veranstaltung
erhielten die fünf Organisatoren von allen Seiten großes Lob, das sie auch verdient
haben.
Daniela Steidl, Kötztinger Umschau