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Benedikt-Stattler-Gymnasium
Bad Kötzting
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Aktuelles 2017

„Ist Unordnung die neue Weltordnung?“Rede des Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG Joe Kaeser am BSG am 11. Juni 2017

OStD Roith über­reich­te dem Vor­stands­vor­sit­zen­den Joe Kae­ser ein be­son­de­res Prä­sent. ei­ne Fla­sche Wein, die mit Wün­schen und Er­war­tun­gen der Klas­sen­sp­re­cher des BSG um­k­lei­det wor­den war.

Sehr ge­ehr­te Da­men und Her­ren! Lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler!

Als Sie mich, lie­ber Herr Roith, frag­ten, ob ich noch ein­mal in die Schu­le ge­hen möch­te, ha­be ich erst et­was ge­zö­gert. Als Sie je­doch er­klär­ten, es sei le­dig­lich für ei­nen Abend und nicht gleich für die gan­ze Dau­er von G8 (oder G9), fiel mir die Ent­schei­dung schon leich­ter. Es ist schon ein ei­gen­tüm­li­ches Ge­fühl, wie ei­ne Zeit­rei­se in die ei­ge­ne Kind­heit und Ju­gend, wenn man ei­ne Schu­le be­tritt und sich da­ran er­in­nert, wie vie­le Stun­den man hin­ter der Schul­bank ver­bracht hat.

Wie man an der Ta­fel aus­ge­fragt wur­de. Aber auch, was man ge­lernt hat, was ei­nem da­von bis heu­te von Nut­zen ist. Auch in­ter­es­sant, an wel­che Leh­rer man sich selbst Jahr­zehn­te spä­ter er­in­nert, so­gar ih­rem Na­men nach: an die rich­tig gu­ten und die an­de­ren, von de­nen es hier im BSG ja kei­ne gibt…von den an­de­ren, mei­ne ich. Sie wis­sen es vi­el­leicht: Un­se­re bei­den Töch­ter sind hier zur Schu­le ge­gan­gen und ha­ben hier Ab­i­tur ge­macht. Eben­so mei­ne Frau Ro­se­ma­rie. Sie war auch ein Jahr­zehnt lang El­tern­bei­rats­vor­sit­zen­de und ge­hört auch heu­te noch dem För­der­ve­r­ein an. Aus al­len ist et­was Gu­tes und Er­freu­li­ches ge­wor­den.

Be­rufs­be­dingt ha­be ich es nie zu ei­nem El­tern­a­bend ge­schafft. Den­noch kann ich aus ei­ge­ner Be­o­b­ach­tung sa­gen: Das Be­ne­dikt-Statt­ler-Gym­na­si­um ist ei­ne her­vor­ra­gen­de Schu­le. Jun­ge Men­schen er­hal­ten hier ei­ne ex­zel­len­te Bil­dung und rei­fen zu to­le­r­an­ten, ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten, viel­fach bo­den­stän­di­gen Er­wach­se­nen heran. Für uns El­tern ist das ganz wich­tig. Und nicht nur für uns – son­dern für un­se­re gan­ze Ge­sell­schaft.

Des­we­gen möch­te ich Ih­nen, lie­be Leh­re­rin­nen und Leh­rer, für Ih­re päda­go­gi­sche Ar­beit dan­ken. Und nicht nur für die päda­go­gi­sche Ar­beit im klas­si­schen Sinn, son­dern auch für das Schul­spiel, lie­bes Ehe­paar Ra­ab-Bau­er, und für das flot­te Schu­lor­ches­ter, lie­bes Ehe­paar Frau­en­di­enst, um nur zwei von vie­len In­i­tia­ti­ven zu nen­nen. Und auch der Schu­le ins­ge­s­amt möch­te ich dan­ken für ih­re Aus­bil­dungs­ar­beit auf ho­hem Ni­veau seit fünf Jahr­zehn­ten. Herz­li­chen Glück­wunsch zum 50. Ju­bi­läum!

Herr Roith, Sie sind in 50 Jah­ren BSG erst der drit­te Schul­di­rek­tor. Ich ha­be mal bei Sie­mens nach­ge­se­hen: Ich bin der Ach­te seit 1967, als Sie­mens ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft wur­de. Und wir hal­ten uns schon für ein grund­so­li­des, sta­bi­les Un­ter­neh­men. Aber im BSG, hö­re ich, steht ja auch die „4. Ge­ne­ra­ti­on“ an, „BSG 4.0“ so­zu­sa­gen, mit der neu­en Lei­te­rin Bir­git Mai­er. Ich wün­sche der Schul­ge­mein­schaft den­sel­ben Er­folg für min­des­tens die kom­men­den 50 Jah­re, und der Schul­lei­tung wei­ter­hin ei­ne glück­li­che Hand!

Das BSG ver­mit­telt nicht nur das not­wen­di­ge Wis­sen, son­dern auch die rich­ti­gen Wer­te. Und ge­nau die­se Wer­te brau­chen jun­ge Men­schen, um in ei­ner sich wan­deln­den und im­mer sch­nel­le­ren Welt klar­zu­kom­men, bes­ser noch: sie zu ge­stal­ten. Es kommt ei­nem heu­te manch­mal wir­k­lich so vor, als wä­re Un­ord­nung die neue Wel­t­ord­nung, als wä­re al­les aus den Fu­gen ge­ra­ten. So heißt ja auch mein Re­de­ti­tel.

Be­zeich­nend ist, dass „Un­ord­nung“ heu­te schon durch 140 Zei­chen in On­li­ne-Me­di­en aus­ge­löst wer­den kann – zu wel­chem The­ma auch im­mer. Oder durch „fa­ke news“, wie das heu­te heißt. Wo­bei das ei­ne das an­de­re nicht aus­sch­ließt. Je­den­falls sind heut­zu­ta­ge – zu­min­dest bei man­chen – auch Fak­ten nicht mehr „al­ter­na­tiv­los“.

Ich se­he be­son­ders fünf Fak­to­ren, die die Welt von mor­gen prä­gen wer­den:

Ers­tens, ei­ne Zu­nah­me des Po­pu­lis­mus, der Na­tio­na­lis­mus und Pro­tek­tio­nis­mus be­för­dert und letzt­lich die Ge­sell­schaft in ih­ren Grund­fes­ten er­schüt­tert. Sie wis­sen, wo­von ich sp­re­che: vom Br­e­xit-Vo­tum; von der Prä­si­dent­schafts­wahl in den USA; von schril­len Tö­nen vie­ler Po­li­ti­ker…aus na­hen und fer­nen Län­dern.

Die Wah­len in Ös­t­er­reich, den Nie­der­lan­den und in Fran­k­reich ha­ben aber ge­zeigt, dass der Sie­ges­zug des Po­pu­lis­mus kein Na­tur­ge­setz ist: Er kann ge­stoppt wer­den. Wer hät­te vor we­ni­gen Mo­na­ten ge­dacht, dass ein jun­ger Mann mit klar pro-eu­ro­päi­schem Kurs fran­zö­si­scher Prä­si­dent wer­den und ei­ne Par­la­ments­mehr­heit hin­ter sich ver­sam­meln kann?

Po­pu­lis­mus gedeiht, wenn Angst um sich greift und po­si­ti­ve Per­spek­ti­ven feh­len. Po­pu­lis­mus spal­tet die Ge­sell­schaft. Und ge­nau hier müs­sen wir an­set­zen, schon in der Schu­le, im Be­trieb und in der Ge­sell­schaft, wie zum Bei­spiel in den Ve­r­ei­nen, ob beim Fuß­ball oder der Feu­er­wehr. Wir müs­sen der Angst ent­ge­gen­wir­ken und Per­spek­ti­ven schaf­fen, den Men­schen Ori­en­tie­rung und Mut ge­ben.

Zwei­tens, die glo­ba­le Mi­g­ra­ti­on. Lan­ge dach­te man, die Glo­ba­li­sie­rung sei ei­ne Ein­bahn­stra­ße. Ei­ne Ein­bahn­stra­ße, auf der die Ex­port­na­ti­on Deut­sch­land stets auf der Über­hol­s­pur fährt, und zwar mit Höchst­ge­schwin­dig­keit. In­zwi­schen wis­sen wir, dass die Stra­ße in bei­den Rich­tun­gen „be­fahr­bar“ ist. Men­schen aus an­de­ren Erd­tei­len wol­len nach Eu­ro­pa, um sich hier ei­ne neue Exis­tenz auf­zu­bau­en. Über 65 Mil­lio­nen Men­schen sind heu­te auf der Flucht, mehr als je zu­vor. Ich den­ke, nicht nur un­ser Land hat die Brei­te und Ge­schwin­dig­keit die­ses Zu­s­troms lan­ge un­ter­schätzt.

Den­noch ha­be ich den An­spruch „Wir schaf­fen das“ im­mer un­ter­stützt – und tue das auch heu­te noch. Für mich hat das auch da­mit et­was zu tun, die deut­sche Ge­schich­te auf­zu­ar­bei­ten und zu zei­gen, dass wir dar­aus ge­lernt ha­ben. Es ist be­ein­dru­ckend, wie vie­le Eh­renamt­li­che sich für Flücht­lin­ge ein­set­zen, ob es pen­sio­nier­te Leh­re­rin­nen und Leh­rer sind, die Sprach­kur­se ge­ben, oder die Hel­fe­rin­nen und Hel­fer in Or­ga­ni­sa­tio­nen wie dem Ro­ten Kreuz. Oder Pa­ten, die Flücht­lin­gen das An­kom­men er­leich­tern und ih­nen ein Stück weit das Ge­fühl von Si­cher­heit und Ge­bor­gen­heit ge­ben.

Ich hiel­te es für falsch, am Asyl­recht zu rüt­teln. Den­noch tut mehr Klar­heit auch vom Ge­setz­ge­ber not. Für al­le Men­schen oh­ne Asyl­an­spruch, die zu uns wol­len, brau­chen wir klar de­fi­nier­te Be­din­gun­gen. Auch für die, die ver­folgt wer­den und um ihr Le­ben fürch­ten.

Kon­k­ret: ein ganz­heit­lich aus­ge­leg­tes Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Ein Ge­setz, das sich im Wohl­stands­be­reich nach An­ge­bot und Nach­fra­ge rich­tet und hilft, den Fach­kräf­te­man­gel zu be­kämp­fen. Und das im hu­mani­tä­ren Be­reich zum Ziel hat, dass un­se­re Ge­set­ze und un­se­re Kul­tur re­spek­tiert wer­den. Mit ei­ner sol­chen Re­ge­lung könn­ten wir auch die Span­nun­gen min­dern, die un­se­rer Ge­sell­schaft beim The­ma Ein­wan­de­rung zu schaf­fen ma­chen.

Drit­tens, der Kli­ma­wan­del. Men­schen­ge­mach­ter Kli­ma­wan­del ist ei­ne wis­sen­schaft­lich er­wie­se­ne Tat­sa­che. Da­ran än­dert auch das Aus­sche­ren wich­ti­ger In­du­s­trie­na­tio­nen aus dem Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­men nichts. Wenn wir zu­künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen, al­so auch Ih­nen, lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler, ei­ne Le­bens­grund­la­ge ge­ben wol­len, müs­sen wir die glo­ba­le Wirt­schaft, wie das so am­bi­tio­niert heißt, „de­kar­bo­ni­sie­ren“. Und es wä­re na­tür­lich bes­ser, wenn al­le Ame­ri­ka­ner mit von der Par­tie wä­ren, denn man­che Bun­des­staa­ten wie Ka­li­for­ni­en oder die Stadt Pitts­burgh sind das ja auch.

Die Um­stel­lung auf ei­ne de­kar­bo­ni­sier­te Wirt­schaft wird das 21. Jahr­hun­dert prä­gen und da­mit auch un­se­re Wirt­schaft. Ich bin im Üb­ri­gen zu­ver­sicht­lich, dass un­se­re ein­hei­mi­schen Au­to­bau­er die nö­t­i­ge In­no­va­ti­ons­kraft und An­pas­sungs­fähig­keit mit­brin­gen, um das Zei­tal­ter der (Elek­tro)-Mo­bi­li­tät zu ge­stal­ten.

Das se­hen wir ja auch hier in der Nach­bar­schaft: BMW fei­ert in die­sem Jahr ein ge­n­au­so run­des Ju­bi­läum wie das BSG: 50 Jah­re in Nie­der­bay­ern. Hier in der Re­gi­on, in Din­gol­fing und Re­gens­burg, baut die­se Fir­ma mit glei­cher­ma­ßen bo­den­stän­di­gen wie in­no­va­ti­ven Mit­ar­bei­tern Au­tos für die gan­ze Welt und setzt zu­g­leich auf Zu­kunfts­the­men wie den Leicht­bau und die Elek­tri­fi­zie­rung der Mo­bi­li­tät. Letzt­lich geht es dar­um, ei­ne neue Mo­bi­li­tät zu er­schaf­fen, und da sind wir hier gut auf­ge­s­tellt.

Der vier­te Fak­tor, der uns heu­te be­ein­flusst, ist Kurz­frist­den­ken und Op­por­tu­nis­mus: An den Fi­nanz­märk­ten, in der Po­li­tik, aber nicht nur dort, ver­kau­fen zu vie­le für den au­gen­blick­li­chen Ge­winn un­se­re Zu­kunft. Die Spe­ku­la­ti­on an den Fi­nanz­märk­ten ist stär­ker als je zu­vor. Man­che der so­ge­nann­ten „Ak­ti­vis­ten“ ge­hen rück­sichts­los und zy­nisch mit Wer­ten wie Nach­hal­tig­keit und Ver­ant­wor­tung um.

Wir brau­chen in den Füh­rung­se­ta­gen von Wirt­schaft, Ge­sell­schaft, Po­li­tik und auch in Wis­sen­schaft und Me­di­en wie­der nach­hal­ti­ge­re An­sät­ze. An­stand und Eh­re mö­gen alt­mo­disch klin­gen, sind je­doch so ak­tu­ell wie schon lan­ge nicht mehr.

Zu füh­ren heißt eben auch, mu­tig zu sein, vor­an­zu­ge­hen und Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Und das ge­ra­de in stür­mi­schen, in un­ge­müt­li­chen Zei­ten!

Fünf­tens be­ein­flusst uns die Vier­te In­du­s­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on. Die in­du­s­tri­el­len Re­vo­lu­tio­nen zu­vor wa­ren ers­tens die Er­fin­dung der Dampf­ma­schi­ne, zwei­tens die Elek­tri­fi­zie­rung mit der Er­fin­dung des Fließ­bands und drit­tens die Ein­füh­rung der Au­to­ma­ti­sie­rung in Fa­bri­ken. Mit In­du­s­trie 4.0 zieht nun die Di­gi­ta­li­sie­rung mit vol­ler Wucht in die in­du­s­tri­el­le Welt ein. Wenn man be­denkt, dass in Deut­sch­land fast acht Mil­lio­nen Men­schen in der Fer­ti­gungs­in­du­s­trie ar­bei­ten, dann lässt sich er­ah­nen, wel­che Be­deu­tung die­se Re­vo­lu­ti­on für un­ser Land hat und noch ha­ben wird.

Ma­schi­nen wer­den in Zu­kunft mehr Auf­ga­ben über­neh­men, die heu­te von Men­schen er­le­digt wer­den. Die­se Ent­wick­lung ist nichts grund­le­gend Neu­es. Ge­n­au­so we­nig wie die Di­gi­ta­li­sie­rung vor zwei Jah­ren er­fun­den wur­de. Die gibt es schon deut­lich län­ger! Neu sind aber die Ge­schwin­dig­keit und Ra­di­ka­li­tät der Ve­r­än­de­rung, erst recht, wenn man an die heu­te noch nicht voll­stän­dig ab­seh­ba­ren Mög­lich­kei­ten der Künst­li­chen In­tel­li­genz, der Ro­bo­tik oder des 3D-Drucks denkt.

Die Schul­lei­tung hat­te mich ge­be­ten, dar­über zu sp­re­chen, was jun­ge Men­schen mit­brin­gen müs­sen, um in die­ser Welt im Um­bruch ih­ren Platz zu fin­den. Nun, was Leh­rer sa­gen, soll­te man ja tun; und au­ßer­dem sa­ge ich da­zu ger­ne et­was, denn es ist ein wich­ti­ges The­ma. Um in ei­ner so sch­nell­le­bi­gen Welt er­folg­reich zu sein, müs­sen Un­ter­neh­men und da­mit sei­ne Füh­rungs­kräf­te und Mit­ar­bei­ter heu­te vor al­lem zwei Ei­gen­schaf­ten mit­brin­gen: An­pas­sungs­fähig­keit und Kom­pe­tenz. Sie müs­sen in der La­ge sein, fle­xi­bel auf neue Her­aus­for­de­run­gen zu rea­gie­ren. Sie müs­sen of­fen für Neu­es sein. Das­sel­be gilt für uns als In­di­vi­du­en.

Was be­deu­tet das kon­k­ret? Zu­nächst ein­mal le­bens­lan­ges Ler­nen – für die Kom­pe­tenz. Ge­ra­de im tech­no­lo­gi­schen und na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Be­reich wird es bald kei­ne Be­ru­fe mehr ge­ben, die oh­ne Pro­gram­mier- und IT-Kennt­nis­se aus­kom­men, oder den Um­gang mit au­to­no­men Ma­schi­nen. Je­der Elek­tri­ker, Me­cha­ni­ker oder In­ge­nieur, je­der Arzt, ge­n­au­so je­der Leh­rer und Vor­stands­vor­sit­zen­de soll­te die Soft­wa­re-An­wen­dun­gen ver­ste­hen, die im je­wei­li­gen Ver­ant­wor­tungs­be­reich Stan­dard sind.

Lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler, an der Schu­le ler­nen Sie die Grund­la­gen: Ma­the, Phy­sik, Che­mie, In­for­ma­tik, Fremd­spra­chen und so wei­ter. Min­des­tens ge­n­au­so wich­tig: zu ler­nen, lo­gisch zu den­ken, Din­ge zu hin­ter­fra­gen, sich neu­es Wis­sen zu er­sch­lie­ßen und an­zu­eig­nen. Dar­auf kön­nen Sie an der Uni­ver­si­tät, in der Aus­bil­dung, in Prak­ti­ka, im Be­ruf auf­bau­en.

Le­bens­lan­ges Ler­nen klingt an­st­ren­gend – ist es auch. Aber wis­sen Sie, es kann auch viel Spaß ma­chen. Das ist auch mein Rat an Sie: Fin­den Sie ein Fach­ge­biet, das Ih­nen Freu­de be­rei­tet und von dem Sie sich vor­s­tel­len kön­nen, dass es Sie lan­ge be­g­lei­ten wird. Blei­ben Sie da­bei au­then­tisch! Dann wird Ih­nen das Ler­nen leicht fal­len und die Ar­beit leicht von der Hand ge­hen. Sie wer­den gut sein, bes­ser als an­de­re. Und das ist die Ba­sis für Er­folg.

Neh­men Sie auch früh schon Kon­takt zu Un­ter­neh­men und Hoch­schu­len auf. Auch Prak­ti­ka hel­fen bei der Ori­en­tie­rung. Wie ich hö­re, hat das BSG ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit der IHK. Das ist ge­nau der rich­ti­ge Weg.

Auch bei Sie­mens gibt es na­tür­lich span­nen­de Auf­ga­ben. Und wir stel­len je­des Jahr welt­weit mehr als 30.000 Mit­ar­bei­ter ein. So sind al­lei­ne im Ge­schäfts­jahr 2016 35.000 Mit­ar­bei­ter neu zu Sie­mens ge­kom­men, dar­un­ter 4.600 in Deut­sch­land.

Ein Bei­spiel, und zwar ein ziem­lich „coo­les“ Bei­spiel: Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­ben wir ei­ne ei­gen­stän­di­ge Star­t­up-Ein­heit na­mens nex­t47 ins Le­ben ge­ru­fen. Die „47“ kommt von 1847, dem Jahr un­se­rer Fir­men­grün­dung. Wer ei­ne tol­le Ge­schäft­s­i­dee hat, mit der er die Welt ve­r­än­dern möch­te, wer Fir­men­grün­der sein möch­te, der kann zu nex­t47 kom­men. Sie sind al­so herz­lich will­kom­men!

Aber nicht nur als Grün­der, son­dern auch in den Kern­ge­schäf­ten von Sie­mens kön­nen Sie die Welt ve­r­än­dern. Als Elek­tro­tech­ni­ker, Ma­schi­nen­bau­er, In­for­ma­ti­ker, Me­cha­tro­ni­ker, ge­n­au­so als Kauf­mann oder Per­so­na­ler.

Sie ha­ben ver­mut­lich die Na­men Oli­ver Hay­den und Jan van den Boo­gaart noch nie ge­hört. Doch die bei­den sind wah­re Hel­den: Sie sind For­scher und ha­ben bei der Sie­mens Me­diz­in­tech­nik in Er­lan­gen und in Den Haag ei­nen au­to­ma­ti­sier­ten Sch­nell­test für Mala­ria ent­wi­ckelt. Da­mit kann man die In­fek­ti­on sch­nel­ler und zu­ver­läs­si­ger er­ken­nen und bes­ser be­han­deln und vie­le Le­ben ret­ten. Das ist für mich Di­enst an der Ge­sell­schaft!

Wie geht das? Die Er­fin­der be­trach­te­ten spe­zi­fi­sche Ve­r­än­de­run­gen im Blut und iden­ti­fi­zier­ten ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus 30 Pa­ra­me­tern, die die Krank­heit kenn­zeich­nen. Mit ei­nem Com­pu­ter­al­go­rith­mus mach­ten sie die­sen „Da­ten-Fin­ger­ab­druck“ von Mala­ria dann für ein Blut­test-Ge­rät les­bar. Die­ser ers­te au­to­ma­ti­sier­te Mala­ria-Test kann ei­nen Mei­len­stein im Kampf ge­gen die­se tü­cki­sche Krank­heit be­deu­ten. Ei­ne Krank­heit, an der – man muss sich das vor Au­gen füh­ren –im Jahr fast ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen ster­ben! Die­ser Test kann da­zu bei­tra­gen, dass wir die Zahl der Mala­ria-To­ten pro Jahr um meh­re­re Hun­dert­tau­send ver­rin­gern. Jan van den Boo­gaart und Oli­ver Hay­den ha­ben für ih­re her­aus­ra­gen­de Leis­tung den Eu­ro­päi­schen Er­fin­der­preis ge­won­nen. Dar­auf sind wir sehr stolz.

Sie se­hen, es gibt in der Welt noch im­mer gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Un­se­re Zei­ten sind si­cher nicht we­ni­ger span­nend als die von Alex­an­der von Hum­boldt oder Al­bert Ein­stein.

Wenn es Sie nun in an­de­re Fel­der zieht als in die Na­tur­wis­sen­schaft und Tech­nik, dann ist das na­tür­lich eben­so gut. Wir brau­chen ex­zel­lent aus­ge­bil­de­te Men­schen in al­len Be­rei­chen: zum Bei­spiel im Fi­nanz­be­reich, in der Kunst, im Jour­na­lis­mus, in der Me­di­zin, in den Schu­len. Ma­chen Sie das, was Sie wol­len und wo­für Sie ste­hen möch­ten, nur: Ma­chen Sie es gut und von Her­zen.

Denn: Zur An­pas­sungs­fähig­keit ge­hört auch die rich­ti­ge Geis­tes­hal­tung. Ich selbst ha­be lan­ge im Si­li­con Val­ley ge­lebt und ge­ar­bei­tet. Das „Val­ley“ hat in den letz­ten Jah­ren un­se­re Welt wie kei­ne an­de­re Re­gi­on ve­r­än­dert und ge­prägt. So­zia­le Netz­wer­ke, das Smart­pho­ne, neue Ge­schäfts­mo­del­le, wie wir ein Ta­xi ru­fen oder Bücher kau­fen – das al­les sind tech­ni­sche Re­vo­lu­tio­nen, die von Ka­li­for­ni­en aus­gin­gen. Heu­te pil­gern Hun­dert­schaf­ten aus Deut­sch­land dort­hin in der Hoff­nung, den Stein der Wei­sen zu fin­den.

Was ist das Er­folgs­ge­heim­nis des Val­ley? Kurz ge­sagt, die Men­schen dort trau­en sich Ge­wal­ti­ges zu und neh­men sich Gro­ßes vor. Sie sind auf der Su­che nach dem „next big thing“, dem nächs­ten gro­ßen Durch­bruch, sie wol­len ei­nen Un­ter­schied für die Welt ma­chen – „ma­ke a dif­fe­ren­ce“, heißt das dort. Wo wir all­zu oft über Pro­b­le­me sp­re­chen, se­hen sie span­nen­de Her­aus­for­de­run­gen, die es zu lö­sen gilt. Und: Die Men­schen dort scheu­en sich nicht da­vor, auch ein­mal zu schei­tern – um da­nach wie­der auf­zu­ste­hen. Von 10.000 Fir­men­grün­dern sind vi­el­leicht 50 er­folg­reich, al­so ge­ra­de ein­mal 0,5 Pro­zent. Ge­nau die­se we­ni­gen kön­nen je­doch die Welt ve­r­än­dern. Und die ame­ri­ka­ni­sche Ge­sell­schaft lässt die­ses Schei­tern zu, oh­ne dass man le­bens­lang ge­brand­markt wä­re.

Von die­ser Geis­tes­hal­tung wün­sche ich mir mehr in Deut­sch­land. Da­bei reicht es nicht, das Si­li­con Val­ley zu ko­pie­ren. Wir müs­sen es ka­pie­ren! Da­zu ge­hört auch, fle­xi­b­ler zu wer­den. Of­fe­ner für Ve­r­än­de­run­gen und ri­si­kobe­rei­ter. Da­bei to­le­r­ant und re­spekt­voll im Um­gang mit un­se­ren Mit­men­schen – auch wenn sie an­ders als wir sind. Da­zu geht auch, aus Feh­lern zu ler­nen. Ich mag das Wort Feh­ler­kul­tur nicht. Es han­delt sich viel­mehr um ei­ne „Lern­kul­tur“.

In Deut­sch­land sind wir sehr gut im ex­ak­ten Pla­nen, im Auf­s­tel­len und Ein­hal­ten von Re­geln, im sau­be­ren und ver­läss­li­chen Vor­be­rei­ten und Durch­füh­ren…Sie mer­ken, ich sp­re­che ge­ra­de von Sie­mens. Auch auf un­se­ren Er­fin­der­geist kön­nen wir stolz sein, eben­so auf ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on der so­zia­len Ver­ant­wor­tung. In Deut­sch­land gab es schon ei­ne Grün­der­zeit, als es noch kei­ne Ga­ra­gen im Si­li­con Val­ley gab.

Doch wenn sich die Welt im­mer sch­nel­ler ve­r­än­dert, wenn sie so­zu­sa­gen „in Un­ord­nung“ ge­ra­ten ist, müs­sen wir be­we­g­lich blei­ben und un­se­re Plä­ne und un­ser Ver­hal­ten kon­ti­nu­ier­lich an­pas­sen.

Wir müs­sen weg­kom­men von ei­nem über­trie­be­nen Si­cher­heits­den­ken, das uns Chan­cen ver­sch­ließt. Wir müs­sen auf­ge­sch­los­se­ner ge­gen­über neu­en Tech­no­lo­gi­en wer­den und Un­ter­neh­men und Un­ter­neh­mens­grün­der stär­ker wert­schät­zen. Und nicht je­den ver­dam­men, wenn er ein­mal schei­tert. Ent­schei­dend ist doch, dass man wie­der auf­steht, die Är­m­el hoch­k­rem­pelt und wie­der et­was Neu­es an­packt.

Und wer könn­te ei­nen sol­chen Kul­tur­wan­del, ei­ne Zu­kunfts­vi­si­on bes­ser vor­an­t­rei­ben als die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on – al­so Sie, lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler!

Po­si­ti­ve In­spi­ra­ti­on gibt es in un­se­rer Ge­schich­te zum Glück ge­nug. Zum Bei­spiel Gott­lieb Daim­ler, Robert Bosch, Wer­ner von Sie­mens, Fer­di­nand Por­sche, die Dass­ler-Brü­der, auch Has­so Platt­ner von SAP. Oder aus der Re­gi­on Per­sön­lich­kei­ten wie zum Bei­spiel Man­f­red Zoll­ner, oder die Fa­mi­li­en Stau­din­ger und Wan­nin­ger, Wein­furt­ner in Arn­bruck und Mühl­bau­er in Ro­ding – oder auch vie­le an­de­re, die hier in der Re­gi­on ei­ne Exis­tenz ge­grün­det ha­ben.

Ge­n­au­so in der Po­li­tik: Kon­rad Ade­nau­er, Wil­ly Brandt, Hel­mut Sch­midt, Hel­mut Kohl, Ri­chard von Weiz­sä­cker, Ger­hard Schrö­der, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Zwei­fel­los bringt auch die heu­ti­ge Bun­des­kanz­le­rin al­le Vor­aus­set­zun­gen mit, sich hier spä­ter ein­zu­rei­hen. Das wa­ren, das sind kei­ne Lang­wei­ler. Son­dern Men­schen mit Lei­den­schaft. Mit Ecken und Kan­ten. Men­schen mit Träu­men! Und sie setz­ten und set­zen al­les da­ran, die­se Träu­me zu ver­wir­k­li­chen.

Mei­ne Da­men und Her­ren,

ich möch­te Ih­nen drei Zi­ta­te vor­le­sen:

Das ers­te lau­tet: „Die Ju­gend ach­tet das Al­ter nicht mehr.“

Das zwei­te: „Die Kin­der von heu­te sind Ty­ran­nen. Sie wi­der­sp­re­chen ih­ren El­tern, kle­ckern mit dem Es­sen und är­gern ih­re Leh­rer.“

Und das drit­te: „Un­se­re Ge­sell­schaft und die Wirt­schaft be­män­geln ei­ne all­ge­mei­ne Ab­nah­me von Wert- und Mo­ral­vor­stel­lun­gen.“

Die Sät­ze, die ich eben zi­tiert ha­be, stam­men aus 5.000 Jah­ren Ge­schich­te. Wen es ge­nau­er in­ter­es­siert: von den Su­me­rern um 3.000 vor Chris­tus – das mit der feh­len­den Ach­tung der Ju­gend vor dem Al­ter; von So­k­ra­tes – das mit dem Kle­ckern beim Es­sen; und das letz­te aus ei­ner Stu­die der DIHK aus dem Jahr 2010.

Lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler,

ich per­sön­lich tei­le den Pes­si­mis­mus über die Ju­gend nicht. Im Ge­gen­teil, ich traue Ih­nen so­gar sehr viel zu. Ak­tu­el­le Stu­di­en über die Ju­gend in Deut­sch­land zei­gen: Ih­re Ge­ne­ra­ti­on baut auf die rich­ti­gen Wer­te. Nächs­ten­lie­be, Hilfs­be­reit­schaft, sta­bi­le Be­zie­hun­gen, re­li­giö­se To­le­ranz und Wel­t­of­fen­heit – das sind Ih­re Grund­über­zeu­gun­gen.

Und noch et­was stimmt mich zu­ver­sicht­lich: Für mei­ne Ge­ne­ra­ti­on und für die mei­ner El­tern galt: Leis­tung lohnt sich – al­so st­reng dich an! Jun­ge Men­schen wie Sie hier am BSG sind an­ders mo­ti­viert: Weit mehr als die frühe­ren Ge­ne­ra­tio­nen fra­gen Ju­gend­li­che heu­te nach dem „WARUM“, nach dem Sinn. Ge­ne­ra­ti­on Y fragt nach dem „Why“. Ich möch­te Sie er­mu­ti­gen, die­se Fra­ge nie aus dem Blick zu ver­lie­ren und für Ih­re Über­zeu­gun­gen zu le­ben. Sie sind die Ge­ne­ra­ti­on, die schon bald ent­schei­den und be­stim­men wird, wie un­ser Land mit der „Un­ord­nung“ un­se­rer Zeit um­geht. Sie wer­den maß­geb­lich be­stim­men, was wir aus den Zu­kunft­s­chan­cen ma­chen, die sich übe­rall auf der Welt er­öff­nen, auch hier bei uns zu Hau­se. Sie müs­sen die Din­ge in die Hand neh­men: Ihr Le­ben, Ih­re Zu­kunft, Ih­re Ver­ant­wor­tung. Ich traue Ih­nen das zu. Sie schaf­fen das!

Herz­li­chen Dank!

Im An­schluss an sei­nen Vor­trag nahm sich Herr Kae­ser Zeit und ließ sich von Lea Hol­zer (10b) für die AG Fil­me­ma­cher in­ter­vie­w­en.

In der of­fe­nen Dis­kus­si­on konn­ten Gäs­te auch kri­ti­sche Fra­gen an den Vor­stands­vor­sit­zen­den rich­ten.

Die BSG-Hal­le war bei der Höh­e­punkt­verst­an­stal­tung der Ju­bi­läums­vor­trä­ge gut ge­füllt.