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Aktuelles 2017

Dialektsprechen erwünscht im KlassenzimmerSepp Obermeier referiert bei W-Seminar am BSG in Bad Kötzting

Un­ter der Lei­tung von StRin Edith Gleix­ner be­schäf­tigt sich ein W-Se­mi­nar des Ober­stu­fen­jahr­gangs 2017/2019 mit dem The­ma Dia­lekt und konn­te vor kur­zem ei­nen hoch­ka­rä­ti­gen Re­fe­ren­ten in die­sem Fach­ge­biet ge­win­nen.

Sepp Ober­mei­er, der Vor­sit­zen­de des Bunds Bai­ri­sche Spra­che, hat sich auf­grund sei­nes un­er­müd­li­chen En­ga­ge­ments zum Er­halt der Dia­lek­te gro­ße An­er­ken­nung er­wor­ben und wur­de am Di­ens­tag mit dem Kul­tur­preis des Be­zirks Nie­der­bay­ern für her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen auf kul­tu­rel­lem Ge­biet aus­ge­zeich­net. Den­noch nahm er sich letz­te Wo­che Zeit für an­ge­hen­de Ab­i­tu­ri­en­ten des BSG Bad Kötz­ting, die ih­re Se­minar­ar­beit im Fach Deutsch zum The­ma Dia­lekt er­s­tel­len wol­len. Ge­spannt er­war­te­ten die 13 Schü­le­rin­nen und Schü­ler des W-Se­mi­nars zu­sam­men mit ih­rer Leh­re­rin Edith Gleix­ner den Vor­trag von Ober­mei­er – und er­fuh­ren Er­staun­li­ches:

Sie wis­sen nun, warum der Frei­staat Bay­ern im Ge­gen­satz zur Be­zeich­nung der Spra­che mit y ge­schrie­ben wird und dass das Bai­ri­sche mit mitt­ler­wei­le 16 Mio. Sp­re­chern das größ­te zu­sam­men­hän­gen­de Dia­lekt­ge­biet im mit­te­l­eu­ro­päi­schen Sprach­raum bil­det. Es ist auf das In­do­ger­ma­ni­sche zu­rück­zu­füh­ren und so­gar an­ti­ke Wur­zeln sind nach­weis­bar. Da­ge­gen wur­de die Stan­dard­spra­che nach der Bi­bel­über­set­zung Lu­thers erst im 19. Jahr­hun­dert durch das Wör­ter­buch Kon­rad Du­dens und die Büh­nen­spra­che Theo­dor Siebs stan­dar­di­siert. Ober­mei­er wies dar­auf hin, dass es sich beim Mit­tel­bai­ri­schen bzw. Nord­mit­tel­bai­ri­schen im Raum Bad Kötz­ting um kei­ne ver­dor­be­ne Spra­che han­delt, son­dern um ein ei­ge­nes, voll­stän­dig aus­ge­bil­de­tes Sprach­sys­tem, des­sen man sich kei­nes­falls schä­m­en sol­le. Wie ele­men­tar die ei­ge­ne Spra­che für das Be­wusst­sein und die ei­ge­ne Iden­ti­tät ist, be­leg­te er mit dem größ­ten deut­schen Dich­ter J. W. Goe­the, der, eben­falls Dia­lekt­sp­re­cher, in Leip­zig und Wei­mar sei­ne Ver­zweif­lung fol­gen­der­ma­ßen äu­ßer­te: „Ich fühl­te mich in mei­nem In­ners­ten pa­ra­ly­siert und wuss­te kaum mehr, wie ich mich über die [all]ge­meins­ten Din­ge zu äu­ßern hat­te.“ Goe­the be­zeich­ne­te den Dia­lekt als Ele­ment, in wel­chem die See­le ih­ren Atem sc­höpft.

Ober­mei­er ging auch auf die Dia­lekt­geo­gra­fie des obe­ren und mitt­le­ren Baye­ri­schen Wal­des ein. Im Alt­land­kreis Viecht­ach und be­nach­bar­ten Re­gio­nen ge­be es so­gar Wie­ne­risch als Dia­lekt. Die W-Se­mi­na­ris­ten zeig­ten sich höchst an­ge­tan, als Ober­mei­er wuss­te, dass ei­ne Schü­le­rin, die in der Nähe von Arn­bruck wohnt, bspw. ei­ne wei­ße Maus als „wää­ße Maas“ be­zeich­ne. Au­ßer­dem er­klär­te er an­hand der l-Vo­ka­li­sie­rungs­li­nie, der sprach­li­chen Ab­g­ren­zung zum Nord­bai­ri­schen der Oberp­falz, warum Frau Gleix­ner „s Maal voll Möhl“ hat, ei­ne Schü­le­rin aus dem ehe­mals nie­der­baye­ri­schen Kötz­ting aber „s Mei voi Mei­j“. Auch auf den oberp­fäl­zi­schen ge­stürz­ten Zwie­laut „ou“, der oft­mals als un­fein emp­fun­den wird, ging er ein. Wäh­rend dem Hol­ly­wood-Schau­spie­ler Ni­co­las Ca­ge, als er ein Sch­loss bei Et­zel­wang zu kau­fen be­ab­sich­tig­te, vom Deut­sch­ler­nen als un­nö­t­ig ab­ge­ra­ten wur­de, da das Oberp­fäl­zi­sche ein Über­gang vom Bel­len zum Sp­re­chen dar­s­tel­le, wird in der Dia­lekt­wis­sen­schaft dar­auf ver­wie­sen, dass die „ou“-Lau­te im Eng­li­schen seit Sha­ke­spea­re und auch in der Pop-Mu­sik in höchs­tem An­se­hen ste­hen. Au­ßer­dem ist Ober­mei­er fest da­von über­zeugt, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus dem obe­ren und mitt­le­ren Baye­ri­schen Wald im Fran­zö­sisch-Dik­tat auch bei un­be­kann­ten Wör­t­ern in­tui­tiv die kor­rek­te Sch­rei­bung an­wen­den, weil sie vom au­ßer­ge­wöhn­li­chen Vo­kal­reich­tum ih­res Idioms pro­fi­tie­ren. Es gibt es über 24 Zwie­lau­te und 16 Selbst­lau­te. Bei­spiel­haft nann­te Ober­mei­er den Satz: „Ooi gen­gand oi, ooi eu und ooi ooui.“ (Ei­ni­ge ge­hen hin­auf, ei­ni­ge hin­aus und ei­ni­ge hin­un­ter) In die­sem Zu­sam­men­hang zeig­te Ober­mei­er an­hand von CT-Auf­nah­men auf, dass es für die Aus­bil­dung des Ge­hirns ei­ne gro­ße Rol­le spielt, ob un­ter­schied­li­che Spra­chen – auch der Dia­lekt ist ja, wie oben er­wähnt, ein ei­ge­nes Sprach­sys­tem - vor oder nach der Pu­ber­tät er­lernt wer­den. So be­sit­zen Kin­der, die mit Dia­lekt und Stan­dard­spra­che auf­wach­sen, ei­ne so­ge­nann­te in­ne­re Mehr­spra­chig­keit, wo­durch die Syn­ap­sen für den Fremd­spra­che­n­er­werb be­reits aus­ge­bil­det sind. Die Fähig­keit, zwi­schen zwei Sprach­sys­tem wech­seln zu kön­nen, wird als Co­de-Swit­ching be­zeich­net.

Zu­letzt wies Ober­mei­er noch auf be­stimm­te gram­ma­ti­sche Phä­no­me­ne des Bai­ri­schen hin und die un­glaub­li­che Aus­drucks­kraft und Bild­haf­tig­keit, die in die­sem Dia­lekt steckt. So gibt es im Stan­dard­deut­schen für „rie­chen“ kein Sy­n­onym, im Bai­ri­schen je­doch bis zu zehn wie brándln, gráwln oder rássln, um nur drei zu nen­nen. Der Vor­sit­zen­de des Bunds Bai­ri­sche Spra­che er­m­un­ter­te die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, ih­ren Dia­lekt zu be­wah­ren und sich nicht ver­un­si­chern zu las­sen. Enorm auf­ge­wer­tet wird er auch vom Kul­tus­mi­nis­te­ri­um seit dem Jahr 2006 mit der ak­tu­ell 400-sei­ti­gen Hand­rei­chung „Dia­lek­te in Bay­ern“ durch Un­ter­richts­ein­hei­ten in baye­ri­scher Sprach­geo­gra­fie, Sprach­ge­schich­te und Gram­ma­tik. Die Irr­leh­re, dass die Mund­art kar­rier­e­hem­mend sei, ist von Prof. Ul­rich Am­mon längst wi­der­ru­fen wor­den, da es sich beim Dia­lekt nicht um ei­nen So­zio­lekt bzw. re­strin­gier­ten Co­de han­delt, son­dern um ei­nen Re­gio­lekt als wert­vol­le zu­sätz­li­che Sprach­kom­pe­tenz.

Mit die­sem Wis­sen aus­ge­stat­tet und ge­stärkt in ih­rem dia­lek­ta­len Selbst­be­wusst­sein wer­den sich nun die BSG-Schü­ler en­ga­giert und ehr­gei­zig an die Er­stel­lung ih­rer W-Se­mi­nar-Ar­beit her­an­wa­gen.

Oben: Sepp Ober­mei­er im Kreis der Se­min­ar­teil­neh­mer; un­ten: bei sei­nem Vor­trag