Grimme-Preisträger Carl Gierstorfer, ZEIT-Auslandskorrekspondentin Olivia Kortas und Jugendoffizier Klaus Schedlbauer am BSG

Die deutsche Gesellschaft darf sich nicht entzweien lassen

Die angekündigten Experten, Dokumentarfilmer und Journalist Carl Gierstorfer sowie Jugendoffizier Klaus Schedlbauer, zogen im Zuge des Abends der politischen Bildung ein großes und gemischtes Publikum in die Aula des Benedikt-Stattler-Gymnasiums in Bad Kötzting. Im Mittelpunkt stand das Thema „Journalismus in Zeiten von Desinformation, FakeNews und hybrider Kriegsführung“. Schon die Position der beiden Experten im Raum – sie verzichteten auf das Rednerpult und hatten auf Studiosesseln Platz genommen – ließ von Anfang an ahnen, dass kein klassischer Vortragabend zu erwarten war. Als dann nach einem beeindruckenden Einspieler aus Gierstorfers intensiver, mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Dokumentation „Ukraine – Kriegstagebuch einer Kinderärztin“ die ZEIT-Auslandskorrespondentin Olivia Kortas als „Überraschungsgast“ live aus Kiew über Videoschalte ans BSG geholt wurde, war spätestens klar, welch außerordentliche Expertise im unmittelbaren sowie authentischen Rahmen zusammenkam, um sich mit einem der drängendsten Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Die Oberstufenschüler Paul W. und Paul E. führten als Moderatoren durch das Programm der von der Fachschaft Politik und Gesellschaft unter Leitung von StR Stefan Wecker sowie Schulleiterin Birgit Maier initiierten Veranstaltung.  

Was die Arbeit der Experten auszeichnet, wurde immer wieder deutlich: Kortas und Gierstorfer analysieren internationale Krisen nicht aus der Distanz, sondern begegnen vor Ort Menschen, deren Leben von Krieg, Gewalt, Krankheit und politischen Umbrüchen geprägt ist. Schonungslosigkeit und Unmittelbarkeit dieser Form des Journalismus offenbarten sich bereits bei den ersten Schilderungen Kortas‘ aus Kiew – und damit über den Kriegsalltag. Die ukrainische Hauptstadt sei mittlerweile ununterbrochen russischen Angriffen ausgesetzt. Sie selbst habe wie die anderen Bewohner Kiews gelernt, den Gefährdungsgrad allein anhand der Entfernung der Detonationen bei Raketen- oder Drohnenangriffen und der unterschiedlichen Abwehrmaßnahmen der ukrainischen Seite einzuschätzen. Kortas lebt also mitten im Krieg, recherchiert an der Front und interviewt Kriegstraumatisierte wie den ukrainischen Menschenrechtler Maksym Butkevych, der fast zweieinhalb Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbrachte.  Auch Gierstorfer berichtete wiederholt aus Kriegs- und Krisengebieten und dokumentierte bewegende Einzelschicksale.

Doch genau diese Form des Journalismus ist unverzichtbar, denn sie macht die menschliche Wirklichkeit hinter abstrakten Nachrichten sichtbar und komplexe Zusammenhänge erfahrbar. Allerdings steht dieser unmittelbare, differenzierte Journalismus zunehmend vor dem grundlegenden Problem, die Menschen überhaupt noch zu erreichen. Zahlreiche Krisen und der sich gänzlich geänderte Medienkonsum ließen das kaum noch zu. Heute „informiert“ man sich in kleinen Happen etwa auf TikTok oder in anderen sozialen Medien. „Erzählt werden nur Extreme in Bruchstücken, was dem Populismus Zuwachs beschert. Der suggeriert nämlich einfache Lösungen“, mahnte Gierstorfer. Auch Kortas zeigte besorgt eine weitere Folge dieses Trends auf: Ihre kurzen Nachrichtenhappen entnehmen die Content-Creator oft eben den vertrauenswürdigen, wohlrecherchierten Berichten professioneller Journalisten. Der Konsument greift aber häufig nur noch auf die kurzen News zurück, wohingegen die großen renommierten Medienhäuser von den zahlenden Kunden umgangen werden. „Eigentlich kann man von Kannibalismus sprechen, denn wenn keiner mehr zahlt, gibt es irgendwann keinen qualitativ hochwertigen oder gar investigativen Journalismus mehr.“

Das wiederum öffnet FakeNews und allgemeiner Desinformation noch weiter die Türen. Die Sorge darüber war die große gemeinsame „Message“ der drei Experten an diesem Abend: Wenn selbst nachprüfbare Tatsachen nicht mehr allgemein anerkannt werden, seien faktenbasierte und sachliche Diskussionen unmöglich. Die Gesellschaft verliere sich in gegenseitigen Vorwürfen und ideologischen Grabenkämpfen, statt angesichts internationaler Bedrohungen und gesellschaftlicher Herausforderungen nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Doch genau diesen Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft, die in Bedrohungssituationen handlungsfähig sein will. Der Weg dorthin führe nicht allein über staatliche Institutionen, betonte Jugendoffizier Schedlbauer. Jeder Einzelne ist verantwortlich und gefordert. Das gesellschaftliche „Vollkasko-Denken“ müsse unbedingt überwunden werden.

Wie schwierig die Frage der persönlichen Verantwortung angesichts einer möglichen militärischen Bedrohung ist, zeigte die durch eine Publikumsfrage angestoßene Diskussion über Verteidigungsbereitschaft der Bevölkerung. Dabei stellte Schedlbauer insbesondere heraus, dass gerade auch Soldaten oft überzeugte Pazifisten seien. „Sie reißen sich nicht darum, eventuell in den Krieg zu ziehen, sehen dies aber als ihre Pflicht. Genau deshalb ist der Rückhalt in der Bevölkerung so wichtig.“ Kortas ergänzte, dass viele ukrainische Frontkämpfer, die vor dem Krieg als IT-Manager, Lastwagenfahrer oder Verkäufer gearbeitet hätten, vor dem Krieg Waffengebrauch kategorisch abgelehnt hätten. Die existenzielle Bedrohung ihrer Freiheit und Heimat habe ihre Haltung grundlegend verändert.

Eindringliche Beiträge und Nachfragen aus dem Publikum eröffneten viele weitere Themenaspekte, so erläuterten die Experten, wie wichtig ethische Verantwortung gerade in der Kriegs- und Krisenberichterstattung sei, berichteten von psychischen Belastungen und persönlichen Grenzen ihrer Arbeit, schauten auf die Rolle der großen Akteure in der Weltpolitik und diskutierten die Chance eines Friedens in der Ukraine, der wohl lediglich durch eine unter entsprechendem Druck erreichte Verhandlungsbereitschaft Putins möglich wäre.

Doch selbst das Ende des Ukrainekrieges werde die Welt nicht wieder zu der machen, wie wir sie einmal kannten, gab Gierstorfer zu bedenken. Die internationale Ordnung habe sich grundlegend geändert. „Ich habe das Gefühl, wir als Gesellschaft haben das noch nicht verinnerlicht.“ Genau da beginnt die so zentrale Aufgabe des unabhängigen, transparenten und differenzierten Journalismus: Es sollen keine Prognosen über die Zukunft gegeben, sondern Fakten aufgezeigt und deren Tragweite vermittelt werden. Diese Arbeit ist in einem Umfeld von gezielter Desinformation und einer sich zunehmend polarisierenden Gesellschaft wichtiger denn je. Doch auch die Bereitschaft der Menschen, Tatsachen anzuerkennen, sich faktenbasiert zu informieren und auf dieser Grundlage miteinander zu diskutieren, ist unverzichtbar, um den Herausforderungen der Zukunft gemeinsam begegnen zu können.

 

Schulleiterin Birgit Maier begrüßte die Gäste und erklärte, wie es überhaupt möglich gemacht werden konnte, dass Dokumentarfilmer Carl Gierstorfer den Weg ans BSG gefunden habe. Sie selbst sei von einem seiner Auftritte im Fernsehen begeistert gewesen. Im Zuge der Ausstrahlung seiner aktuellsten Doku " So geht Frieden!“ sendete das ZDF auch ein Interview. Darin schwärmte Gierstorfer von seiner Heimat - dem Bayerischen Wald. Wie es der Zufall wollte, kennen sich die Familien von StR Stefan Wecker, Fachschaftsleiter PuG und Hauptorganisator des Abends, und Gierstofer. Schnell konnte der Kontakt hergestellt werden. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass sich Carl Gierstorfer die Zeit für den Abend der politischen Bildung am BSG genommen hat. Auch Jugendoffizier Klaus Schedlbauer tut dies immer wieder und ergänzte an diesem Abend die Perspektive auf das Thema. 

OStDin Maier verriet in ihrer Hinführung noch nichts von dem Highlight des Abends. ZEIT-Korrespondentin Olivia Kortas wurde später live über einen fahrbaren Bildschirm in die Aula übertragen. Auch sie hat Verbindungen in die und eine Vergangenheit in der Region. Besonders schön ist, dass von beiden Journalisten die Eltern im Publikum waren - eine Möglichkeit, die eigenen Kinder, die sich gerade oder immer wieder in gefährlichen Kriegs- und Krisengebieten aufhalten, zu sehen. 

Das Schuljahr im Blick